DIE HAARE
Schon zwei Jahre töne ich mir jetzt die Haare. Mich dazu durchzuringen, war schwierig, denn es steht immer der dumme Vorwurf im Raum (auch wenn man diesen Vorwurf als erster an sich selber richtet), die Zeichen des Alters nicht zu akzeptieren, sich vor ihnen zu verstecken und sich etwas vorzumachen. Aber schon vor meinem vierzigsten Geburtstag waren meine Haare grau meliert und sie wandelten sich immer mehr in ein unverkennbares Weiß. Ich hatte genug von diesem Verschwimmen, das die Gesichtszüge nicht mehr zusammenhielt, ihre Umrisse auflöste und das bleich gewordene Fleisch schlaff machte. Der erste Eindruck war allerdings nicht vorteilhaft, ich sah plötzlich meinen Kopf von einer dunklen steinigen Haube umschlossen, die wie ein seltsamer Helm auf mir saß. Der Vergleich der neuen Farbe, einem intensiven Kastanienbraun, mit dem unveränderten Farbton meiner Augenbrauen war fragwürdig. Ich musste mich daran gewöhnen. Es war getan, und seither gefällt mir meine Gesichtsform, die Rundung meines Schädels, betont von einer gewellten, aber ordentlichen Strähne, mit der die Umrisslinie endet. Liebe zur "klaren Kontur", wie bin ich Dir verfallen! Auch der Liebe zu mir selbst, zwangsläufig!
DIE STIRN
Man hat sie am liebsten breit, hoch, "klar und offen" (Maurice Scève), eine Haut wie Alabaster, anstatt eng, finster, beschränkt und verpickelt. Sie ist das Schaufenster des Verstandes, dort entfaltet sich der Gedanke (wenn ich denke, scheine ich zu leiden, sagte ich früher einmal). Sie ist die "Zettelwand", an sie heftet sich die unruhige Seele des Liebsten, der Geliebten (dort lässt sich der Sturm oder die Lähmung ablesen, die Leidenschaft und die Verspieltheit, das Interesse, die Gleichgültigkeit…). Sie richtet den Zugang zum Blick des Anderen ein, zum eigenen Blick auf sich selbst. Mittelmäßig, einfach, gewöhnlich, erzeugt sie dann mittelmäßige Gedanken, triviale Wünsche, anonyme Erwartungen?
DAS OHR
Mein rechtes Trommelfell platzte am 1. Mai 1997. Ein dummer Unfall (wie die meisten Unfälle dieser Art). Ich vergaß, dass ich ein Wattestäbchen bis zur Hälfte in den Gehörgang gesteckt hatte, als ich ein Handtuch, das bis dahin um meinem Hals gelegen hatte, plötzlich und sehr kräftig ganz über meinen Kopf zog. Der Schmerz blieb dumpf, es gab kein Blut. Aber in die Unversehrtheit meines Organismus war ein Riss getreten, und ich machte mit einer bakteriellen Invasion von außen Bekanntschaft. Mehrfach wiederholte Infektionen und Mittelohrentzündungen in den folgenden Jahren führten dazu, dass ich einen großen Teil meiner Hörfähigkeit verlor. Um mein Trommelfell wieder herzustellen, fand nach etwas mehr als fünf Jahren ein Eingriff statt. Eine kleine, hinter der Ohrmuschel freigelegte Öffnung ermöglichte eine Lasertransplantation. Das ging schnell, und die Öffnung wurde wie feine Spitze vernäht. Diese Feinheit und diese Geschicklichkeit lassen mich noch immer vom Wunder der Chirurgie träumen - wobei, während ich dies schreibe, ein kleiner, genau umschriebener Schmerz wiederkehrt. Ich habe fast mein gesamtes Hörvermögen zurückbekommen.
DAS GEHÖR
Ich kann lange Strecken ohne Musik auskommen, manchmal über mehrere Jahre hinweg (in der ersten Zeit meines Madagaskaraufenthaltes). Aber wenn ich wieder welche höre, ist es genau so, als ob Letztere niemals abwesend gewesen wäre, als ob sie das leise Rauschen unwissend bis in die unterste Krümmung der Hörmuschel verfolgt hätte. Abwesende Anwesenheit! Die Poesie ist sicherlich auch ein einzigartiger Ausdruck dieses Kontinuums, dieses Dämpfers. Das innere Verstehen, das selbst Musik und Sinn der Musik ist, leitet und ordnet; das äußere Zuhören, das durch das Trommelfell und all die physiologischen Resonatoren (reparierbar, einstellbar falls erforderlich!) ermöglicht wird, stützt sich auf das Erstere,um jedes Geräusch einzugliedern.
DIE AUGENBRAUE
Weder ein einfacher Strich à la Ava Gardner, noch ein mephistophelisches Buschwerk. Sie, in der sich sogar die Farbe der Jugend erhalten hat, wächst manchmal in sehr langen, Akzente setzenden und Büschel formenden Fragehaaren.
DAS AUGE
Es ist blau, Himmel und Meer - meteorologischen Schwankungen ausgesetzt, die es nach Belieben aufhellen oder trüben, es fast grau oder grün werden lassen. Die Iris ist mit allerlei Kleinem, Rundem, Braunem, Goldbraunem übersät, deren Glanz sich mit dem Lichteinfall ändert. Es scheint, als ob (vor allem in Ländern, in denen dieser Farbton rar ist) viele Leute Angst davor haben, dem Blick solch blauer Augen standzuhalten, denn sie haben den Eindruck, sagen sie, innen hinein zu sehen, als ob sie in eine Intimität fielen, die zugleich Abgrund ist, den sie betreten und in dem sie vom Unbekannten erfasst werden. Diese "Glasaugen" sind für sie nicht wie die Anderen, nicht wie die Schwarzen oder die Braunen: schillernde Spiegel, die einen Schutz zwischen Mensch und Mensch aufstellen, sondern Fallen, wo der Andere sie anzieht, ohne etwas von seinem Wesen preiszugeben. Blaue Augen, Augen der Entführung und des Raubs, ihr öffnet Abgründe ohne sie wieder zu schließen!
DER BLICK
Ich weiß, dass mein Blick manchmal herausfordernd ist, denn er forscht, bohrt, beharrt. Ich lege nicht immer Zurückhaltung in meine Art und Weise zu mustern, fremdes Benehmen und fremde Wesen zu untersuchen, so unbedingt meine ich, ein Geheimnis durchschauen, erkennen, verstehen zu müssen… Das ist oft ungeschickt und wirkungslos. Diese Gewohnheit bringt einige Unannehmlichkeiten mit sich, aber diese gewissenhafte und beharrliche Aufmerksamkeit, wenn sie sich auf Gegenstände und auf die Winzigkeiten richtet, die zwischen ihnen ablaufen, erweist sich als meisterhaft, um in die Welt zu gelangen - vor allem in dem Augenblick, in dem die visuelle Anspannung nachlässt und plötzlich das Ungesehene anwesend sein lässt.
DIE NASE
Weder Adler- noch Stupsnase lässt sie manchmal nur die Nordwinde eines ununterdrückbaren Niesens frei, kräftig und wohlgesetzt. Mit dem Alter haben sich am Brillensteg (wie an den Ohren) scharenweise unschöne Härchen gebildet, die manchmal regellos aus den Nasenflügeln sprießen.
DAS ATMEN
Man muss wiederholt die Erfahrung einer verstopften Nase, des taub und empfindungslos machenden Schnupfens durchlebt haben, um die Bedeutung einfachen Atmens nachvollziehen zu können. Dabei handelt es sich nicht nur um die freie Luftzirkulation zwischen Nasenlöchern, Hals und Lunge, sondern um die schwankende Grundlage eines Gleichgewichtsortes, die den Rhythmus selbst des Bewegens und des körperlichen Schwungs schützt. Ein Schnupfen bringt einen nicht nur um den Geschmacks- und den Geruchssinn, verursacht nicht nur Tränenfluss und Schneuzen, eine wie aus einem Muschelinneren wahrgenommene Welt, sondern er lässt uns ständig stolpern und über die eigenen Füße straucheln, nur widerwillig vorankommen, ohne sich weiter von dem angezogen zu fühlen, was kommt und was begleitet werden will.
DIE WANGE
Ich werde vor allem von der Linken sprechen, die ganz allein und in aller Deutlichkeit mein wichtigstes Wappen ziert. Sie trägt den schönen Namen "Muttermal"(1), obwohl seine übliche Bezeichnung "Weinfleck" und der Fachausdruck dafür "Nävus teleangiectaticus" ist. Worauf hatte meine schwangere Mutter Lust haben können, dass sich die Wange des zu gebärenden Kindes derart rötet, sich rötet bis sie den Farbton von Wein erreicht? Der fast schwarze Fleck auf dem kleinen Babygesicht, das er gut zur Hälfte bedeckt, erschreckte und bestürzte. Man versuchte zunächst den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben: das von einem unwissenden Arzt verteilte Trockeneis fügte noch eine Verbrennung auf dem unteren Teil der Wange hinzu. Anschließend musste ein sogenanntes Sonnenbestrahlungsverfahren benutzt werden, um die tiefe und schockierende Farbe des Flecks zu schwächen und für diese Behandlung mussten wir mehrere Jahre lang einmal im Monat nach Paris fahren. Die Färbung verbesserte sich erheblich und der Fleck wurde weniger auffällig, um so mehr, als er nicht mit dem Körper des Kindes mitwuchs und sich seine Größe im Gesicht verhältnismäßig verringerte. Viele andere Ärzte haben mir später vorgeschlagen, den Fleck durch eine Hauttransplantation verschwinden zu lassen, was ich immer abgelehnt habe. Ich betrachte ihn seither als einen festen Bestandteil meiner Person, und er ist in gewisser Weise mein Markenzeichen, mein Aushängeschild, mein Kennzeichen geworden. Offen gestanden sehe ich ihn kaum noch, wie die Meinen, die sich an dieses Graffiti gewöhnt haben. Unbekannte, vor allem Kinder, stellen mir manchmal Fragen, gerührt von dem, was sie für eine Wunde halten, fragen sie mich, ob ich Schmerzen habe. Meine Mutter hielt den Fleck immer für einen Hinweis auf Intelligenz, ein Zeichen für diesen Wissensdurst, für diese Neugierde, die mich von Anfang an bewegt hat. Dies ist der fromme Gedanke einer Mutter und ich verleugne das Wappen nicht, das sie mir unfreiwillig mitgegeben hat.
DER MUND
Mein Mund ist eher klein, meine Lippen rosa und schön geschwungen, zusammengepresst zwischen spitzen Mundwinkeln. Ein sinnlicher Mund, ein alle Früchte gelüstender Mund. Durch diese erste und hohe Pforte des menschlichen Körpers, so verkünde ich hier, tritt die Welt in ihrer greifbarsten Form ein. Mein weltenverschlingender Mund ist bereit das Universum zu verschlucken - "das Uni diversum" - von dem unendlichen Leib zu kosten, nichts von dem, was man in den Mund nehmen kann, ist meiner Ansicht nach schmutzig. Ich habe oft jemanden sagen hören, um alle Nahrungsmitteltabus in Verruf zu bringen, dass "nicht das, was in den Mund hineingelangt schmutzig ist, sondern das, was aus ihm herauskommt" das heißt, in Worte gefasste Gemeinheiten. Auch der Buddhismus empfiehlt, alles zu verzehren, was genießbar ist: Schlangen, Hunde, Heuschrecken … Dies ist kein Grund, daraus einen Kult zu machen, da es ein antireligiöses Motto ist. Aber wenn wir es im Kopf relativieren und unsere Praxis befreien, stellen wir neugierig und erfinderisch eine vollständige Geschmacksskala auf. Zu bedenken ist auch, dass wenn dem Menschen nur noch ein einziges Verlangen bleibt, ein letztes Zeichen von Lebenskraft, denn ist es fast immer dasjenige, gut zu essen: O, ihr fressenden Alten, ich liebe und lobe euch!
DIE ZÄHNE
Ich habe noch nie Zahnschmerzen gehabt. Zu meinem größten Unglück! Der Schmerz wäre nämlich sicher das Signal gewesen, mit dem ich rechtzeitig hätte reagieren können. Ich war kaum 16 Jahre alt, als man mir fünf oder sechs völlig verfaulte Zähne (darunter mehrere Backenzähne) ziehen musste, anderen den Nerv abtötete und sie sterilisierte … Mit 20 Jahren brach ich mir nach einem Biss in eine Brotkante den sichtbarsten meiner oberen Schneidezähne aus. Man musste mir einen Stift einsetzen. Schlecht verankert musste er zehn Jahre später erneut werden. Nach zwanzig Jahren spuckte ich diese Prothese endgültig aus. Sie wurde durch eine Brücke ersetzt, ein wahres Kunstwerk, welches noch immer in meinem Mund thront und mein Lächeln schmückt. In der Tat verdanke ich meinem Zahnarzt ebensoviel wie meinem Chirurgen, der mein Trommelfell repariert hat und vor allem dem technischen Fortschritt auf diesem Gebiet, viel mehr noch als dem bloßen Wahren des Scheins!
DIE STIMME
Wir kennen unsere Stimme nicht, obwohl wir sie ständig mit Zunge und Kiefer buttern, sie durch Kehle und Nasenhöhle sieben, durch Aufblasen der Wangen, Aufpumpen der Lungen, Artikulieren, Binden und Abschneiden an den Spitzen von Lippen und Zähnen arrangieren … Sie von außen zu vernehmen, wie sie durch einen sofort für unmenschlich gehaltenen Mechanismus festgelegt ist, ist manchmal ein Leiden, eine Verletzung. Meine von Aufnahmegeräten und Tonbändern wiedergegebene, weiche, zuckersüße (oder sogar süßlich-fade), gekünstelte und wie ausgesägte Stimme kann ich nicht ausstehen. Kurz gesagt, nicht sehr männlich, amtlich. Als ob sie männlich sein müsste! Ich zucke gedanklich mit den Schultern, aber ich weiß, dass ich von einer Stimme aus Bronze und Erz träume, donnernd wie gehämmertes Metall (vielleicht wird sie ja genau so von den anderen wahrgenommen, da auch mir bekannt ist, dass ich eine laute und weittragende Stimme habe …).
DER BART
Wie ärgerlich, dass man sich jeden Morgen rasieren muss! Ich schimpfe fast jeden Tag auf diese aus allen Ecken und Winkeln des Fleisches, aus Furchen und Falten des Gesichtes wuchernden Borsten, wo sie sich einnisten, ohne dass sie die inzwischen dreifache Klinge des Rasiermessers an der Wurzel erwischen könnte. Immer schlecht rasiert, oft mit Schnittwunden und blauem Kinn ab dem späten Vormittag, rußbraune Wangen am Nachmittag… Ständig wieder von vorn anzufangen, denn wir werden niemals den Höhlenmenschen, den Waldmenschen in uns besiegen. Ich schaudere bei dem Gedanken, dass der Wuchs noch einige Tage nach dem Tod weiter geht.
DIE SCHULTERN
Rund und ein wenig fett, mit einer nunmehr halb weiß gewordenen Behaarung, verleihen sie mir dennoch ein Format, das manche mit dem eines Rugbyspielers verglichen haben. Sie überragen tatsächlich einen eher massigen und untersetzten Körper, breit (kein Vergleich mit den heutigen "Göttern der Sportarenen", mit den jungen Spielern des Französischen Stadions, die selbstgefällig ihre Blöße als männliche Gazellen auf erfolgreichen Kalenderbildern zeigen, und eher entlaufenen schlanken Fohlen gleichen als der Statur ihrer Vorgänger, die der meinigen mehr entspricht. Sie hätten kräftiger und ein bisschen muskulöser sein können, wenn ich Sport und körperliche Selbstzweck-Anstrengung nicht so sehr hassen würde.
DIE ARME
Sie sind es, die am meisten verunstalten, da sie sichtlich schwach und schmächtig sind, also nicht muskelgeschwellt, weniger zum Hochheben, zum Transportieren, zum Befestigen, zum Was-auch-immer-Bearbeiten gemacht, als vielmehr Arme zum Schreiben und dazu, ein Buch zu halten (auch zum Umarmen of course!). Nichtsnutz-Arme!
DIE HAND
Eine weiße Hand mit fast spitzen Fingern und ohne Schwielen, die eines Intellektuellen oder eines mittleren Angestellten, den ganzen Tag tippende Tastatur-Hand, eine Hand zum Streicheln, die leicht berührt und niemals schlägt, eine Hand, die soviel versteckt wie sie zeigt, eine faule Hand, zum Vergnügen, zum beschwipst sein und zur Spöttelei und die immer auf der Suche nach einer anderen Hand ist.
DIE BRUST
Ich fahre mir gern mit weit gespreizten Fingern durch mein seidiges, ergrautes, dichtes Brusthaar, berühre gern mit vollen Händen die fleischigen Warzen meiner Brüste, kneife gern die Zitzen in der Mitte des Warzenhofes. Manchmal stellen sie sich auf und mein Atem erweitert sich. In diesem Augenblick wird es zur Kommunion, Teilnahme, Verbindung: Meine eigene Hand knetet mir das Herz, ich gehöre mir und ich erfasse mich selbst ohne Distanz, ohne Rückhalt. Bloß etwas weiter unten... Da wird's schwieriger!
DER BAUCH
Wenn ich in einer senkrechte Position gerade aufrecht stehe (am liebsten nackt oder halbangezogen), ein wenig nach vorn gebeugt, verschwinden verhältnismäßig Magen und Bauch und meine gesamte Erscheinung kann mich zufrieden stellen. Wenn ich mir einen Hosengürtel um den Unterleib schnalle, quellen manchmal ein oder zwei wallende Wulste über die so eingeschlossene Taille hinaus und die Wirkung ist gleich weniger schön. Am schlimmsten ist es, wenn ich sitze oder mich hinhocke, da sich mein ganzer Wanst (man muss ihn beim Namen nennen!) bis ganz nach unten auf meine Oberschenkel niederdrückt und ich fühle mich ausgepolstert, genau unter dem unteren Teil des Bauches, wie ein Rettungsring, ein wahrhaftiger Reifen. In Wahrheit schäme ich mich beinahe dafür und ich stelle mir mit vollkommenen und jedoch etwas gekünstelten - von Masochismus geprägten - Grauen vor den verabscheuende Anblick von all dem gelben Fett, das unter der Haut in Schichten wie ein Isolierpolyester verdeckt ist! Aber ich muss einfach nur aufstehen und ein bisschen gebeugt zu neuen Abenteuern aufbrechen, mich aufrecht hinstellen und dann bewegen. Dabei vergesse ich ganz und gar das Bild, das der Spiegel und der Blick festhalten, getragen, getrieben, dynamisiert durch das, was man zu Recht für die intimste Energiereserve halten sollte!
DIE BELEIBTHEIT
Das Wort ist doppeldeutig: Im Französischen kommt es von dem Ausdruck "auf der Höhe sein" ("en bon point"), das ursprünglich einen blühenden Gesundheitszustand bezeichnete; danach benannte es selbst das Zeichen dieser guten Gesundheit, den "roten Teint" und das strahlende, ein bißchen fette Fleisch, genau was man für die damals bewunderte und begehrte appetitliche Rundung und den Glanz brauchte; heute kennzeichnet der Begriff nur noch das Übermaß, den Überfluss der Rundungen und Fettpolster, die zu den festen und dünnen Formen des Models mit Standartfigur hinzukommen! Dieses bleiche Mannequin, das nur einen unwahrscheinlichen Moment des menschlichen Wachstums darstellt, gerade einmal eine Minute ihrer gesamten Ausstattung, eine Ausnahme unter der Masse der Körper, diese Figur führt eine Diktatur, zusammengesetzt aus Entbehrungen und Diäten, aus gymnastischen Foltern, und es wäre an der Zeit, gegen alle flachen Bäuche mit ihren großtuerischen Bauchmuskeln die Beleibtheit zu rehabilitieren und ihr ihre stärkende und ästhetische Größe wiederzugeben.
DAS SCHAMBEIN
Unter denselben Speckfalten unterschiedlicher Beliebtheit breitet sich das Dreieck, der Schamberg oder der dichte Kamm, der mit Buschwerk bedeckte und duftende Garten des Geschlechtsteils aus (so wie er von mir gehegt wird oder nicht). Den einzigen Schock, den ich jemals angesichts eines unübersehbaren Zeichens meines Alterns erlitten habe, - war der, eines Tages ein weißes Haar (später mehrere) in meinem dichten Schamhaar zu entdecken.
DER SCHWANZ
Mille e tre sind seine Namen: ich habe "Schwanz" bevorzugt, da der Hebel an eine solide Kelterstange erinnert - "Penis" ist zu didaktisch, "Phallus" zu analytisch und außerdem von den Schoßhündchen der Lehre Freuds beschlagnahmt. Mille e tre die Ejakulationen in einem Zeitraum von ungefähr drei Jahren. Mille e tre vielleicht die unterschiedlichen Fleischlöcher, in die er im Laufe eines Lebens eingedrungen ist (alles hängt im Übrigen davon ab, wie man zählt und es gibt keinen Grund dafür, nur die neueste Errungenschaft zu privilegieren: Das Beste findet sich oft in der Wiederaufnahme.) Es sind die Herren Don Juan und Casanova, die uns ihren Komplex mit der Liste untergejubelt haben, und all diese Buchführungen gleiten schnell in den Mythos oder in unwahre Geschichten ab. Genauso die Frage der Zentimeter. Für einen Mann, das ist ganz klar, egal welchen sozialen oder ethnischen Ursprungs, liegt eine gewisse Befriedigung der Eigenliebe darin, zwischen seinen Oberschenkeln einen Marschallstab zu bergen. Auch gibt es da ein ästhetisches Interesse für ihn und für die anderen, denn unser Zeitalter hat endlich zugegeben, dass ein männliches aufgerichtetes Glied schön sein kann, und dass es sehr harmonisch das Porträt eines Mannes ergänzt, von dem es die Spitze und den Höhepunkt darstellt! Aber die praktische Realität macht bescheiden und diese Wettbewerbstypen, so schön sie auch sein mögen, finden nicht immer etwas zum Einnisten… Es geht also nichts über das Allerweltsmodell, bescheidener, aber ebenso ausdauernd, eines, das sich im gut im Rennen hält!
DIE HODEN
Diese beiden runden Kiesel, warm und fest, die in ihrem doppelten Sack herumrollen, würde man gern in den Mund nehmen, um sie wie Bonbons zu lutschen (aber niemand kann sich selbst - auch der gelenkigste Akrobat nicht - diese Leckerei gönnen… Quod erat demonstrandum) Sie währenddessen in der Rechten halten, mit der ganzen Hand, mit der vollen Hand, das heißt zugleich im Zentrum und an der Wurzel zu sein.
DER ARSCH
Seinen Arsch und seinen Rücken kennt man noch weniger als seine Stimme. Verrenkungen ausdenken, um sie zu sehen, indem man sie zum Beispiel fotografiert, versuchen geschickte Tricks einzusetzen, um an sie heranzukommen… Und welche Blamage, wenn der/die PartnerIn in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet, bestimmt, dass der eigene Hintern weich und schlaff ist… Weich und schlaff, dies wurde gesagt … Man möchte nicht wirklich, man will das nicht überprüfen und wiegt sich lieber weiter in der Vorstellung von all den kleinen, netten, knackigen, überall herumlaufenden Ärschen, überall, außer am eigenen Rücken.
DER AFTER
Er ist, ja er, erreichbarer als der Arsch als Ganzes, erreichbar zum Berühren, zum Betasten, mit einer gewissen Neugier der Finger. Die neunte Pforte ist die unmittelbare Fortführung der ersten, stellt aber die Ausscheidung dar, die Kloake und wird aus diesem Grund eher verachtet. Wie die erste, und im Unterschied zu den sieben anderen (bei dem Mann zumindest), erlaubt sie jedoch einen tieferen, viel intimeren Kontakt mit dem eigentlichen Körperinnern. Ein weit geöffneter Mund lässt Zunge, Hals und Gaumen, das Zäpfchen und den Anfang der Speiseröhre wie den der Luftröhre sehen: Sie lässt das rote Blut des lebenswichtigen Herzklopfens erkennen, die Wärme und den Atem innerhalb, die Schleime, die Flüssigkeiten und den Speichel, die das innere Regelwerk schmieren. Der After mündet, über den Kanal der Schließmuskel hinaus, in eine Weichheit, eine Wärme, dessen Qualität den streng forschenden Finger überrascht: Da ist ein wahrer Hexenkessel drin! und zugleich ein Muff aus Sanftheit, und im Geiste kann man in einer Art mentaler Darmspiegelung das Darmlabyrinth bis zum Zäpfchen hinaufsteigen… Filme, in denen Körperwege für miniaturisierte Forschungsreisende erfunden werden, liefern ihm das Modell. Aus diesem frühen und harmlosen, nur leicht vertieften Einführen, kann eine gewisse Fülle entstehen (sogleich von einem Wiederaufnahme verlangenden Mangel gefolgt), und um sie in aller Ruhe wieder zu finden, kann man in Erwägung ziehen, mit passender Handhabung das zu pflegen, was Michel Tournier "die frische Wunde der Jungen" nennt … aber das ist eine andere Geschichte, die ich Ihnen heute nicht erzähle.
DER OBERSCHENKEL
Meine Oberschenkel, dick, solide, alles aus großen Muskeln, sind die Stützen, die für das intensive Gedränge gemacht sind, in das sich die Spieler verwickeln, wenn sie miteinander Schlamm und Schweiß teilen, wenn sie ihre gleitenden Hände bei widerstandsfähigen und niemals nachgebenden Gliedern anlegen. Dem Ansturm der gegnerischen Mannschaft standhalten, indem man sich noch ein bisschen mehr in die Erde rammt, mit Füßen und Knien standhalten, das habe ich noch nie gemacht! Beim Betrachten des würdevollen und untätigen Bogens meiner Oberschenkel sage ich mir, dass Handgemenge für mich immer nur Träume bleiben werden.
DIE WADE
"Hühnerbein", sagte mein Vater, um den seltsamen Anblick zu beschreiben, den die Muskelmasse an dem unteren Teil des Beines vor allem bei ausdauernden Fahrradfahrern annimmt. Wenn ich sie anschaue, indem ich mich nach vorn und nach hinten beuge, habe ich immer den Eindruck gehabt, solche Waden zu haben. Allerdings erhielt ich diese wohl gerundete Form nicht beim Fahrradfahren, sondern eher beim Bürostuhl-Verrücken, beim Ritt auf Schreibstühlen und auch bei den Bein-Spielen, denen ich mich gewidmet habe, bei denen es vorkommt, dass manchmal alle Viere oben bleiben.
DER FUß
Am 3. Juni im Jahre 2003 wachte ich mit einem gelähmten rechten Fuß auf. Ich konnte ihn weder hochheben noch normal laufen. Um vorwärts zu kommen, musste ich ziemlich tief gebeugt humpeln. Autofahren war schwierig geworden, fast gefährlich. Die nach einer detaillierten Untersuchung gestellte Diagnose beschrieb die neue, bis zum heutigen Tag noch nie aufgetretene Auswirkung Wirkung eines bei mir schon vor mindestens fünfundzwanzig Jahren festgestellten Bandscheibenvorfalls, der bereits regelmäßig sowohl Kreuz- wie Ischiasbeschwerden erzeugt hatte. Die Abhilfe? Keinen chirurgischen, medikamentösen oder physiotherapeutischen Eingriff. Mir wurde empfohlen, einfach solange zu warten, bis die Natur ihr Werk vollbracht hat, wie man sagt, und ich brauchte mehr als sechs Monate, um eine annähernd normale Nutzung meines Beines wiederzuerlangen. Lange Monate der Geduld, um völlig lebendig und ganz vollständig, ruhig und ausgeglichen, in die große Geduld, in das umfassende Wesen der Neuronen einzutreten. Der praktizierende Arzt erklärte mir nämlich, dass in den Fällen, in denen ein Nerv verletzt oder durch einen organischen Vorfall beschädigt wird, der Nervenapparat eine eigentümliche Methode zur Wiederherstellung der unbrauchbar gewordenen Funktion erfindet, die nicht selten Umwege begeht. Er ist fähig, kurze Nervenabschnitte dort nachwachsen zu lassen, wo er sie braucht oder zu einen anderen Nerv umzuleiten, um ihnen so eine neue, noch nie zugedachte Tätigkeit übernehmen zu lassen. Weisheit der Neuronen, die wissen und ihr Werk in der intelligenten Undurchsichtigkeit dieses Körpers vollbringen; Weisheit desjenigen, der lernt auf diesen Körper zu hören, seinen Körper, um sich den unbekannten Rhythmen hinzugeben. Ich habe meine motorische Fähigkeit fast gänzlich wiedererlangt (es gibt manchmal immer noch eine leichte Schwäche beim Aufsetzen des Fußes selbst, Ursache mehrerer unerwarteter Stürze); ich habe gelernt vorsichtig zu sein und mich aufmerksamen Fußes vorwärts zu bewegen, indem ich immer aufpasse, wo und wie ich laufe.
DER SPIEGEL
Es ist schwierig, sich im Spiegel anzustarren, ohne bestürzt dem Wahnwitz enteilen zu wollen, den diese Selbstanschauung bewirkt. Aber ach, du kleiner oder großer Spiegel, geheimer Wächter meiner Sinn- und Selbstbilder, ich wünschte, du würdest mir noch einmal sagen, wie sehr dieser Körper eins ist, ungeachtet der Flicken und Ausbesserungen, Kunstgriffe und Retuschen, dem Flechtwerk aus Natur und Technik! Erinnere mich auch daran, dass dieser Körper mir gefällt, und dass er mir voll und ganz gehört! Dass man sich selbst hic et nunc lieben muss, um anderenorts lieben zu können! Und entgegen der faszinierenden Wirkung deiner eigenen oberflächlichen Spielerei für mich sprechend, zeige mir meinen Körper lebendig und aktiv, stets dabei, deine Bilder Lügen zu strafen! Besser! Richte dir selber einen Ausweg vor dem Spiegel wie vor der Bestürzung ein, die er bewirken kann, indem er zum Spiegel der Worte wird!
DER KÖRPER
Häufig, wenn sich in Stresssituationen oder in der Verzweiflung der Boden unter mir entzieht, kann mich, in einem einzigen herrlichen Atemzug, nur der Geruch meines Körpers beruhigen.
Serge Meitinger
Im vierundfünfzigsten Jahr
seines Lebensalters
11.-15. Dezember 2004Fußnoten:
(1) zu französisch: l'envie, die Lust