|
"Schluß mit den Reisen, die immer hinter etwas anderem her sind. Ich habe kein einziges Geheimnis mehr, weil ich mein Gesicht, meine Form und Materie verloren habe. Ich bin nur noch eine Linie."
|
|
Die Reise nach Ostende
Aus einem Roman von Mathieu Roux, Übersetzung: Daniela Wittig
|

|
5.
Er zwang sich, nicht zur Wohnung zurückzukehren,
um nicht noch einmal vor einem Gefühl zu kapitulieren, dass ihm vertraut
geworden war, aber dass er immer noch nicht gezähmt hatte: weit gefehlt.
In der Metro, die ihn zur zweiten Kinovorstellung des Tages brachte, zwang
er sich zu lächeln und die Fahrgäste anzusehen.
Ein paar schöne Frauen warteten mit ihm in einer hohen hellen Halle. Die
Wände waren aus großen Glasscheiben, die den Blick auf Gebäude einer Siedlung
weiterlenkten und den Eindruck verstärkten, für diejenigen im Inneren,
sich in einem durchsichtigen Kubus zu befinden, der auf wundersame Weise
im Herzen einer feindlichen Umgebung gelandet war. Das "Kino" außerhalb
der Innenstadt war ein Kulturzentrum, das ein paar Filme bei sich aufnahm,
die in den Alternativprogrammen des Festivals eingeplant waren.
Er war zu früh dran, zögerte lange bevor er sich ein Bier am Tresen einer
Snackbar holte, deren Wände mit Plakaten französischer Filme zutapeziert
waren, von den Altmeistern Godard, Truffaut, Rohmer, Garrel, Resnais,
Rivette. Ihn vergnügte die Feststellung, dass er all diese Filme gesehen
hatte, ohne Ausnahme, und mehrere mehr als einmal. Er fragte sich, ob
ihm das zu irgendetwas nütze wäre. Das Bier tat ihm gut, bremste seine
Nervosität. Er dachte an das Journal Adamovs, dessen genauen
Titel er vergessen hatte, an die letzten Seiten, wo jener seine von einer
immer größeren Menge Bier rhythmisierten Vormittage niederschreibt. Er
hatte Lust hier zu bleiben, nicht in den Film zu gehen, hier zu bleiben,
um sich den ganzen Nachmittag zu betrinken. Er hätte vielleicht ein Gespräch
mit einer dieser Frauen intellektuellen Typs angefangen, er hätte auf
die Plakate gesetzt, ein schon vorhandenes Thema, "und der Film dort?",
er hätte nur auf ein anderes Plakat gesetzt. Aber diese jungen Frauen
gingen bereits in Richtung des Kinoraumes und er folgte ihnen wie ein
wieder fügsam gewordenes Kind, nachdem es sich zu einem krummen Ding hinreißen
lassen hatte.
Kaum in den Saal eingetreten, setzte die Maschinerie seiner Gewohnheiten
seinen Willen außer Kraft und er steuerte auf einen Rang im ersten Drittel,
der in der Mitte noch frei war, zu. Er ließ sich dort nieder, und sobald
er seinen Caban abgelegt hatte, drehte er sich unvermittelt zur Kabine
des Vorführers um, deren runde Öffnung eine mit blauem Samt verkleidete
Wand durchbohrte, versicherte sich mit Polizistenblick irgendeiner Sache,
die ihm stets unklar geblieben war (diesen absurden Tick hatte er sich
in der frühen Phase seiner Kinobegeisterung zulegt; als er, hochmütig
und stolz, die Kinosäle des Quartier Latin frequentierte, war es seinetwegen,
dass all die Filme gedreht worden waren) und dann nahm er wieder seine
anfängliche Zuschauerhaltung ein.
Der Film wurde von seinem Schöpfer begleitet, jawohl, begleitet. Dieser
Regisseur ertrug die Vorstellung von seiner Abwesenheit während der Ausstrahlung
seiner Filme nicht mehr und hatte entschieden, vor einigen Jahren schon,
bei allen Vorführungen seiner Filme zu assistieren, was natürlich deren
Anzahl beschränkte. Logischerweise hatte er sich entschlossen, seine Filme
nicht zu vermarkten, sie nicht in für diese Zwecke reservierten Räumen
zu zeigen. Indem er sein neuestes Werk dem Berliner Publikum vorstellte,
gewährte er ihm eine Art Gunst. Normalerweise zeigte er seine Filme seinen
Freunden, bei sich, in seiner Wohnung in Belgien. Boris Lehmann war jener
kleine Mann mit schütterem Haar, und zwei panischen Kulleraugen, die eine
untröstliche Traurigkeit durchzuckte. Seine Stimme war ein weiches Murmeln,
das der hünenhafte Übersetzer, der sich lächelnd herabneigte, um ihm das
Mikrophon zu überreichen, ins Deutsche auflöste. Sie bildeten auf der
großen Bühne, und vor einem spärlich gefülltem Saal, ein komisches Duo.
Das lächerlich zu finden, verbot der gewundene Charme des Künstlers, der
wie ein ausgleichendes Gegengewicht zu der Hoffnungslosigkeit wirkte,
die seinen Blick lenkte. Er antwortete einer jungen Geigerin auf die Frage,
warum er Filme drehe: Ich mache Filme so wie man eine Flasche ins
Meer wirft. Wenn jemand, ein einziger, diese Flasche findet, das reicht
mir, das macht mich glücklich. Das Kinoerlebnis soll eine Begegnung zwischen
einem Film und EINER Person sein. Aus diesem Grund weigere ich mich nun,
meine Filme in einem Kinosaal zu zeigen, damit diese Begegnungen nicht
unmöglich gemacht, bzw. in der Anonymität aufgelöst werden.
Er war es, der dann die junge Frau gefragt hatte, was sie in ihrem Leben
mache, und er hatte ihr schmeicheln wollen, indem er ihr seine unerschütterliche
und absolute Bewunderung für Musiker gestand. Beim Sprechen sah Boris
Lehmann nur sie an und machte so, durch seine ausschließende Anrede, die
Aufrichtigkeit seiner Worte deutlich. Deshalb fühlte er sich ganz plötzlich
überflüssig in diesem Saal und wollte sie alle alleine lassen. Er änderte
seine Meinung, als er die ebenfalls peinlich berührten Gesichter der Zuschauer
beobachtete.
Nach dem Film kam der Regisseur nochmals auf die Bühne, wobei er mit den
Augen seine schöne Geigerin zu suchen schien, die sich natürlich nicht
vom Fleck bewegt hatte und andächtig auf weitere Worte dieses eigenartigen
Künstlers wartete. Sie stellte ihm keine Fragen, ganz im Gegensatz zu
einem sich überaus angesprochen fühlenden jungen Mann, zweifellos ein
Student, der zu wissen begehrte, aus welchem Grund er nicht mit Video
filme, da er dachte, dass die leichte Handhabung dieser Vorrichtung sich
gut mit seiner Arbeit vereinigen würde. Die Antwort erschallte: Ich
kann das Video nicht verwenden. Die Filmrolle ist mir eine Notwendigkeit,
ich muss wissen, dass meine Aufnahmezeit gezählt ist, dass ich zu einem
Zeitpunkt, wenn kein Band mehr vorhanden sein wird, aufhören muss. Es
ist diese Beschränkung, die meinen Ergeiz anfeuert, dieser materielle,
handwerkliche Aspekt. Filmen zu können soviel ich will, und ohne Schwierigkeiten,
interessiert mich nicht, es ist sogar das Gegenteil von dem, was mich
interessiert.
Er mochte diesen Mann, seine Worte, sein Gesicht und den Film, den er
gerade gesehen hatte. Aber die Angst regte sich mit der Saalbeleuchtung
erneut und er musste von neuem fliehen. Er überholte die Geigerin, die
ihn nicht einmal anblickte, und verschwand nach draußen. Er lief sehr
schnell, ein kalter Wind peitschte ihm ins Gesicht, das bereits schwache
Tageslicht hatte noch mehr an Intensität verloren, die Nacht brach über
die Stadt herein.
Das mysteriöse Unbehagen, für einen Moment
durch den beschleunigten Schritt in der abendlichen Frische des Berliner
Winters gebremst, bemächtigte sich seiner wieder in der Metro, mit doppelter,
bisher nie dagewesener Gewalt. Er klammerte sich an die dünne Stahlstange,
die den Boden des Wagons mit dem Plafond verband. Seine Beine gaben unter
ihm nach und der Schweiß seiner feuchten Hände zwang ihn, sich eine neue,
immer höher gelegene Festhaltemöglichkeit an der Stange zu suchen. Sein
Atem beschleunigte sich, seine Herzschläge hallten in seinem von Panik
befallenen Schädel wider. Er zwang sich, in tiefen Zügen Sauerstoff einzuatmen,
aber seine Versuche überwarfen sich mit der Angst vor einer Ohnmacht.
Also versuchte er, seine Augen auf etwas oder jemanden zu konzentrieren,
das seine nervliche Überspannung schlichten könnte. Die Werbetafeln, die
gegen die Scheiben klackten, hielten seinem Zustand einen beunruhigenden
Spiegel vor, und das auf einer Bank sitzende Rentnerehepaar mit den harten,
traurigen Gesichtern, steigerte nur noch die inzwischen grausame Angst,
brüsk auf den mit rutschsicherer Plaste ausgekleideten Wagonboden zu stürzen.
Seine Kräfte drohten ihn schon zu verlassen, und er hätte an der nächsten
Haltestelle aussteigen müssen, als ein verrücktes jugendliches Lachen
seinen verschwommenen, wie bei einer starken Augenmigräne beschlagenen
Blick in Alarmbereitschaft versetzte.
Zu seiner Linken, auf einem Klappstuhl sitzend, lachte schallend ein sechzehn-,
siebzehnjähriges Mädchen, welches sich ohne offensichtliche Bösartigkeit
über eine Freundin lustig machte, die vor ihr hockte. Die Letztere wandte
ihm nur ihren weißen Nacken zu, über den ein geflochtener Zopf fiel, dem
die Bändigung während endloser Stunden im Gymnasium leid war. Die lachende
Halbwüchsige ihr gegenüber offenbarte dagegen seiner schwindenden Aufnahmefähigkeit
ihr Gesicht.
Vor Kälte gerötete, leicht geschwollene Lippen, öffneten sich ohne Unterlass,
um kleine weiße Zähne zum Vorschein zu bringen, die eine verspielte Zunge,
die den von nervösen Schluckaufs durchkreuzten Redeschwall wieder aufnahm,
verschleierte. Ihre Mischlingshaut färbte sich mit zarten Rötungen, die
ebenso schnell wie sie auftauchten, wieder verschwanden und ihre schwarzen
Augen funkelten wie zwei tänzelnde Lichter hinter einem Schleier von Tau.
Ihre geflochtenen schwarzen Haare, an den Kopf geplättet, ließen helle
Scheitel sichtbar werden und folgten ohne zu erzittern, den abrupten Bewegungen
eines schlanken und kräftigen Halses.
Die Lachanfälle, die sie packten, hatten nichts Hysterisches an sich,
sie waren der reine Ausdruck einer vollkommenen Fröhlichkeit, sie waren
ein Geschenk, das er begierig entwendete, eine Freiheit, deren Saft er
versuchte, für sich allein zu beanspruchen. Er wollte in diesen glänzenden
und feuchten Augen, die niemanden ausschlossen, ertrinken. Er heftete
sich an ihre Augen, um nicht umzufallen, und schaffte es, erfasst zu werden.
Natürlich endeten seine unglücklichen Anstrengungen und er wurde jetzt
getragen, gestützt von dieser einfachen Freude und diesem einweihendem
Gesicht, die wie ein Leuchtstab, der zwischen die Speichen eines Rades
geglitten ist, das erbarmungslose Fortschreiten der Angst bremsten.
Sie hob ihren Kopf und richtete ihren Blick auf ihn, der seinen nicht
abwenden konnte. Sie hörte auf zu lachen, schwieg und lächelte ihn an.
Dieser Augenblick war so lang, dass er etwas von ihrer Intimsphäre erhaschen
konnte, doch wiederum so kurz, dass er nicht imstande war, dieses offene
Lächeln als einen Verführungsversuch zu interpretieren. Sie setzte ihre
Unterhaltung fort, das Lachen wurde seltener. Er sah sie immer noch an,
und die Dankbarkeit hatte die Verzweiflung aus seinen Augen verjagt.
6.
Beinahe gelassen verließ er die Metro. Es war tiefe Nacht und überall
beeilten sich die Menschen heimzukehren. Busse, Autos, Taxis vollführten
auf der Umgehungsstraße ein quirliges Ballet. Er war zerrissen zwischen
der Unsicherheit, die die frische Erinnerung an seine heftige Attacke
in ihm hervorrief, und der wohltuenden Hoffnung, die durch seine spektakuläre
Genesung erwacht war. Vor allem aber, war es das Antlitz des Mädchen,
das seine Gedanken einfärbte.
Cayenne - Vieux Moulin - Paris, 2001
Mathieu Roux: matroux@yahoo.fr
Daniela Wittig: dadidre@hotmail.com
|