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Nummer 2 - Territorium

 

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"Allein sein, mit leerem Kopf und ohne Erinnerungen, am Meeresufer (…)"

Ein Tag im Frühling
Andreas Reichel

Der Himmel war bedeckt; die Sonne hielt ihre wärmenden Strahlen hinter einem grauen Wolkenschleier zurück.
Die Mauer, im Zwielicht des trüben Tages auch grauer als sonst, stand mit drohender Erhabenheit um den letzten Ruheplatz vergangenen Lebens, vergangener Zeiten.
Wartende Menschen säumten das Tor zum Friedhof, die meisten Familienangehörige des Verstorbenen. Manche von ihnen trugen Kränze oder Blumen, alle aber trugen das Schwarz der Trauer, der Ewigkeit, des Vergessens, der Erinnerung. Schwarz, wie alles hier auf dieser Erde gewesen sein mag, bevor noch das Wort oder die Tat sie mit Rastlosigkeit besiedelten und wie es vielleicht wieder sein wird, nachdem das letzte Wort verflogen ist. Die Gesichter der meisten Anwesenden trugen ebenfalls schwarz. Tränen.
In der kleinen menschenvollen Trauerhalle herrschte einsame Stille. Totenstille. Mit gesenktem Blick waren die Gedanken der Lebenden bei ihm und die Wünsche mögen sich wohl geteilt haben. "Noch kurze Zeit, dann sehen wir ihn nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werden wir ihn sehen.", während andere für ihn hofften, er habe es geschafft, aus dem Schatten in seine Sonne zu springen, wenigstens ein Mal, und sei nicht an seinen Erwartungen verhungert, denn nun sei die letzte Möglichkeit verflogen und alles Unerfüllte bliebe für immer im Reich der Wünsche gefangen. Der Sarg war mit einem Meer von Blumen der vielfältigsten Farben übersät, als ob sie unbedingt den Beweis antreten wollten, dass die Farbenpracht über den Tod siegen könnte, ja dass dieser gar unter ihr nicht mehr zum Vorschein käme und für immer in seine ahnenschwere Ewigkeit fliehen würde. Traum. Stille. Die Unabwendbarkeit dieses letzten Augenblickes legte einen Schleier der Beklemmung über die Szenerie, nur zerrissen vom frischen, ungeheuer betörenden Gesang der Vögel, der die ganze in seelischem Grau gefangene Zeremonie gleichsam mit feinstem, unsichtbarem Netzwerk aus verklingenden und immer wieder sich zu wildem Stakkato aufschwingenden Tönen einwob.
Nach der Andacht sammelten sich die Trauergäste vor der Aufbahrungshalle um dem Sarg zu folgen. Der Frühling hatte sich mit aller Macht seinen Weg gebahnt und überall sprossen die Blätter an den Bäumen, deren erstes schüchternes Grün bald in ganzer Kraft leuchten würde. Der schwarze Tross setzte sich in Bewegung, als ob er den Frühling stoppen wollte, den Tod vor sich her schiebend.
Der kurze Weg schien endlos und viele, die den Verblichenen gekannt hatten, schlossen sich dem Zug an. Alle trugen Trauer in sich. Trauer und Hoffnung zugleich. Es gibt eine unumstößliche Gewissheit. Am Grab wehte ein kühler Wind, wie ein Hauch des Siegers über den letzten Kampf. Unter den Klängen des Vaterunser verschwand der Sarg langsam in der Erde, die wie ein Mund geöffnet war und ihre wichtige Bestimmung mit Würde trug.
Ich schwieg. Für einen Moment trat die Sonne aus den Wolken hervor und schickte wärmende Strahlen über diese Zeremonie des Endes. Beileidsbekundungen. Umarmungen. Der Friedhof leerte sich langsam und zurück blieben die Angehörigen, die, voll der Trauer und sich wieder nach dem Leben sehnend, sich ebenfalls zum Gehen wandten. Mit jedem Schritt in die Zeit hineingehend und aus ihr heraus, Abschied und Neubeginn, begleitet von der Melodie des sich Bahn brechenden Frühlings. Der Kiesweg knirschte unter den Schuhen und hie und da hielten sich kleine Pfützen wie Himmelsmedaillons.
Am Eingang erklärte eine Frau einem neugierig fragenden Kind, dass auf dem hellen Schild darum gebeten werde die Gießkannen gleich nach Benutzung wieder zurück zu bringen. Straßengeräusche übertönten ihre Worte und auf einem vorbeifahrenden Lastwagen stand in großen Lettern: "Wir wollen, dass es Ihnen gut geht."

April 2000, Dresden

Andreas Reichel: ar657178@Rcs1.urz.tu-dresden.de

 

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