Ich weiß, sie wird zurückkommen. Es sieht ein bisschen blöd aus, wie ich so auf dem Sessel sitze, die Arme auf den Armlehnen, und mit den Fingern Klavier auf dem Bezug spiele, der unter meinen Fingern wie Parmesan zerbröselt. Würdig verliert sich mein Blick in den Ästen des Tannenbaums. Ich zähle schweigend bis 1014, und fange wieder von vorn an. Aber ich nicke dabei nicht ein. Sie wird zurückkommen, wie sie gekommen war, frisch und schön wie ein Vulkan, meine Tänzerin, mein Scheit, mein Harmonium. Sie wird zurückkommen, weil sie mich liebt und ich ihre Geheimnisse kenne, ihre Genüsse, ich kenne den Geruch ihres Halses, wenn sie sich vorbeugt, um ein Scheit aufzuheben, ein Kinderspielzeug, ein Kleeblatt. Ich kenne das alles, weil ich ein Mann bin, und sie braucht einen Mann wie mich, einen Mann, der schnell in die Kurven fährt, der schon morgens viel trinkt, einen Mann, der nie gut aufgelegt ist (wegen der Kriege überall auf der Welt), der aber nette Aufmerksamkeiten macht, der ein Scheit im Kamin nachlegt, immer im richtigen Augenblick, in einer perfekten Mischung aus Vorwegnahme und Nicht-Überstürzung. Ich bin IHR TRAUMMANN. Und ich warte, das ganze Leben liegt noch vor mir, ich bin der Kapitän eines sturmfesten Schiffes, meine Schiffsjungen kennen meine Befehle, ich brauche ihnen kein Wort zu sagen, sie wissen, was ich meine, ich zwinkere mit den Augen, sie wissen, was ich meine. Sie wird zurückkommen, sie ist nicht weit, vielleicht spielt sie im Garten. Sie spielt mir einen Streich, ja genau, das ist es, daran habe ich nicht gedacht, sie ist ein Spaßvogel. Sie ähnelt unserer Tochter, die, na sowas, die auch verschwunden ist. UNSER KIND. Sie wird zurückkommen, da bin ich ganz sicher, das weiß ich genau, und der Geruch der aufgeworfenen Erde, und die Farbe des aufgewühlten Himmels und der Wind. Ja, sie hört mich in meinem Kopf, der denkt, sie hört den Gedankenstau in meinem Kopf zu, sie weiß, was ich meine. Sie spielt im Garten, hoffentlich erkältet sie sich nicht, sie ist nackt weggegangen, mit diesem fluorfarbenen Köfferchen, man könnte meinen, ein Gartenzwerg. Ha ha. Meine Hände tauchen in den Schaumstoff der Armlehnen, ich grabe den Schaumstoff um wie Erde, als würde ich einen Schatz suchen. Ich weiß was. Meine Süße, mein Elefantenbaby, mein Butt. Ich habe Bier gekauft, siehst du, ich habe die Flaschen nicht aufgemacht, sie stehen ordentlich aufgereiht im Kühlschrank, sie warten auf dich. Ich sitze in diesem verwüsteten Sessel und warte. Ich warte auf den Absturz. Meine Hände schäumen, ich bin ein Schiffsjunge, der Tannenbaum macht mich müde. Ich bin müde. Los, komm zurück, wir gehen im Zoo spazieren, Tante Sylvia hütet UNSER KIND, wir werden draußen an der Quaimauer parken, dann haben wir auf dem Parkplatz des Zoos keine Parkgebühren zu bezahlen, am Eingang werden wir lügen, wir werden uns als Arbeitslose ausgeben, ja, alle beide, das wäre glaubwürdiger, wir werden die Eintrittskarten zum Zoo umsonst haben, das wird schön, wir werden den Gorillas zuwinken, wir werden mit den Krebsen spielen, wir werden Zelte aufschlagen, wir werden Hand in Hand gehen. Wir werden Eis essen. Ich werde ein Bier trinken. Wir werden Pläne schmieden. Ich habe den Sessel auseinandergenommen, ich bin müde, ich ziehe an den Polsterfedern, ich verletze mich ein bisschen, ich blute vielleicht ein wenig. Ich weiß was. Heute Abend ist Weihnachten und du denkst noch immer nicht daran, in Erscheinung zu treten. Wie reizend, eine solche Spannung! Du wirst mich immer wieder erstaunen, du bist die Stärkere, eine Heldin, eine Herausforderung, ein Kreuzzug. Ich habe das Weihnachtsmann-Kostüm wieder angezogen, ich betrachte mich im Spiegel über dem Kamin, ich sehe alt aus in dieser Ausstaffierung. Na ja, das alles ist für die Kinder, die deiner Schwester und UNSERES. Aber wie alt ich damit aussehe. Seit ich vom Sessel aufgestanden bin, geht es mir nicht so prima, mir ist es irgendwie schwindlig, und jetzt auch noch dieser rote und weiße Aufzug, diese Nacht, die sich verdichtet und vor allem, diese Stille. Mein Krebschen, meine Hautriss, meine Optikerin, meine kleine Heldin, meine große Heldin. Ich habe den Champagner vorsorglich kühlgelegt, wie traurig das alles doch ist, ich habe den Champagner vorsorglich kühlgelegt ohne dass du mich darum gebeten hast, denn du konntest mich das gar nicht fragen, du warst schon weg und ja, das ist lustig, ich habe an deiner Statt gesprochen, du warst nicht da, also habe ich darauf geachtet, dass du mir sagst, trotzdem daran zu denken, siehst du, du bist nicht fort. Du bist im Garten, du spielst unter den Apfelbäumen, du bereitest deinen Auftritt vor. In vier Minuten und fünfundzwanzig Sekunden wird im Haus das Geschrei von Kindern widerhallen, die raue Stimme deines Schwagers, deine Alligatorenstimme, deine Spaßvogelstimme. Ich weiß. Ich bin müde. Ich bin ein Mann. Diesem Sessel habe ich die Haut abgezogen. Du wirst mir das nicht nachtragen, du weißt das auch. Den Überresten des Sessels versetze ich Fußtritte. Immer heftigere. Ich habe meine Kapuze übergezogen, meinen Sack mit Bierflaschen bepackt, ich bin im Garten, überquere die Straße, ich bin im Wald. Ich klettere einen Hügel hinauf. Unter meinem Rock als Weihnachtsmann bin ich nackt. Ich fröstele. Ich weine nicht, weil ich ein Mann bin. Von hier aus kann ich das Haus sehen. Ich sehe die Lichter, Schatten, die hinter den Vorhängen vorbeigleiten, ich sehe den lichtergeschmückten Weihnachtsbaum blinken. Ich sehe das Gelächter und das Geschrei. Ich sehe mich auf dem Sessel sitzen, dabei, ein Paket für unser Kind aufzumachen, weil sie es mit ihren Händchen selber nicht aufbekommt, ich tue so, als würde ich mich aufregen, schimpfe laut, zerreiße die Verpackung mit den Zähnen, ich bin in Hochform. Es ist ein schwarzes Täfelchen, mit bunten Kreiden, ich zeichne auf der schwarzen Tafel meiner Tochter ein Flugzeug, das Feuer fängt. Der Champagner hat die richtige Temperatur, der Bruder meiner Frau beglückwünscht mich zur richtigen Temperatur des Champagners, ich mache einen Witz, ich sage : "Nicht mir musst du Danke sagen, sondern dem Kühlschrank". Und meine Flamme, mein Igel, mein Telefon, wie schön du bist in deinem Kleid, meine Armlehne, wie schön bist du in deinem roten Kleid. Ich bin ganz gerührt, über meinem Sack zusammengekauert, von nackten Bäumen umgeben, die Knie voller Lehm. Mir ist kalt, ich bin müde. Ich möchte nach Hause zurück.
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Der Sessel Mathieu Roux, Übersetzung: Angelika Gross, Foto: Natacha Sautereau |
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Mathieu Roux: über den Autor
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