1963 trifft Irm Herrman in einem kleinen Café am Ufer des Sees Tiberias in München einen jungen, extrem schüchternen und erschreckend hässlichen Mann, dessen Augen einzig auf junge Männer gerichtet sind. Sie kündigt ihre Stelle bei ADAC, lässt alles stehen und liegen, um ihm zu folgen. Herr, wo ist Deine Bleibe? Komm und sieh. Sie kam und sah, wo er blieb, und sie blieb bei ihm. Einige Monate später findet sie eine Filmrolle für die fliehenden Augen des jungen pockennarbigen Mannes - doch der junge Mann fährt stattdessen gestohlene Autos in die Türkei.
1982, die Gesichtszüge geschwollen, die Bewegungen schwerfällig, sieht er sich in seinem Hotelzimmer im Hotel Pierre in New York mit vorgetäuschter Wut eine Episode aus Dallas an; die für den wirklichen Schlaf unentbehrlichen drei Valium und zwei Mandrax hat er gerade zermalmt; du hast Deinen Weg umsonst gemacht, armer Drecksack, sagt er laut und deutlich, ohne sich dem Mann im Zweireiher zuzuwenden, der gerade eingetreten ist. Es kommt nicht in Frage, dass ich auch nur eine Minute herausschneide. Ich denke, Bobby weiß, was er macht. Ich nicht, das ist nicht mehr der Mann, den ich geliebt habe, ich erkenne ihn nicht wieder. Gehen wir. Komm. Ich flehe Dich an. Nein.
Am 26. Juni 1969, das Flanellhemd weit über der Brust geöffnet, beide Hände hinter dem Nacken gefaltet, frohlockt er wie ein Boxer unter den Schmährufen des Berliner Festivalpublikums; keiner der Zuschauer von Liebe ist kälter als der Tod nähert sich ihm.
Die Lektüre von Döblins Berlin Alexanderplatz ist die Verletzung aus der Jugendzeit, an der er bis zum Ende zärtlich hängt; um dieses Buch zu bearbeiten und die Dreharbeiten vorzubereiten, entwickelt er eine unfehlbare Arbeitsmethode, abwechselnd drei Tage Krieg und einen Tag Fronturlaub. Seiner Wut 72 Stunden am Stück freien Lauf lassen, entlang der weißen Lines, die ihm blasse Jugendliche liefern. Die Kindheit in ihm wecken, Deutschland, das gerade sein famoses Wunder hinter sich hat, all diese vom wirtschaftlichen Triumph entstellten Gesichter. Anschließend 24 Stunden in die völlige Dunkelheit abtauchen.
Schließlich erklärt er sich doch damit einverstanden, Querelle an die Spielzeiten der US-Kinos anzupassen und erhält dafür am gleichen Abend 50.000 $ in einem prallgefüllten Umschlag, von dem er nicht mehr weiß, ob er ihn nicht um vier Uhr morgens auf dem Rücksitz eines Taxis liegen lassen hat.
1971, unter dem Eindruck der Filme von Douglas Sirk, filmt er binnen elf Tagen Den Händler der vier Jahreszeiten.
1968 schreibt er mit großen und strebsamen Buchstaben Drehbücher in Schulhefte. Er verfolgt zerstreut das Kommen und Gehen der Klienten von Irm Hermann, meistens türkische Gastarbeiter. Um seinen Körper mit rohem Fleisch zu nähren, ohne das Schreiben und Filmen aufgeben zu müssen, münzen einige devote Frauen das Sperma und den Schweiß der Arbeiter des Wunders in Deutsche Mark um.
Zwischen September 69 und September 70 erfindet er, um die auf den Namen Günther Kaufmann hörende enorme sinnliche Masse an sich zu fesseln und ihn an der Rückkehr zu seiner Familie zu hindern, neun Geschichten, in denen ein Schwarzer vorkommt, und dreht ebenso viele Filme. Er weiß nicht mehr, wo er diesen unehelichen Sohn eines GI getroffen hat, der bayrisch denkt und spricht, in Bayern isst und lebt und eigentlich jeden Morgen vor seinem Spiegelbild zusammenzucken muss. Im Donautal werden funkelnde Autobahnen gebaut: Günther Kaufmann fährt auf ihnen in einem Jahr vier Lamborghini zu Schrott, ein Geschenk des langsam berühmt werdenden Pausbäckigen. Geld gehört erst seit kurzem zu seinen Begleitern, und er bringt es mit großer Begeisterung unter die Leute, die Mädchen des Teams müssen nicht mehr an Bahnhöfen feilgehalten werden.
1978 kauft er eine riesige Wohnung in der Nähe der Deutschen Eiche, seiner Stammbar in München. Er lässt den gesamten Boden mit einer rotbraunen Auslegeware belegen, die Wände werden mit nahezu schwarzem Samt tapeziert. Vor den Fenstern verjagen dunkle Vorhänge den Tag. Das Licht überflutet die Aussenwelt mit Depressionen. Nichts im Zimmer außer einem Lederbett, auf dem vier Körper oder mehr zusammengesteckt werden können oder nicht, einem Fernseher in einer Ecke direkt auf der Auslegeware und einem schmalen Spiegel in Höhe des Geschlechts, um das Ganze aufzunehmen. In einem anderen Zimmer Spots über einem Tisch zum Arbeiten.
Am 31. Mai 1982 ist er 37 Jahre alt, ein Hof obszöner Possenspieler umwirbt ihn, niemand weiß, ob der Abend in einer systematischen Trinkerei oder in einer Homo-Orgie enden wird. Die Dreharbeiten für Ich bin das Glück dieser Erde sollen am 21. Juni beginnen. Liebe Kinder, ich bin noch eine kleine Weile bei euch. Ihr werdet mich suchen. Aber ich sage euch: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen.
Querelle ist die Geschichte eines Typs, dessen Seele sich in einen Alligator verwandelt. Eine besondere Art und Weise, den Körper zu sammeln und dann nach vorn schnellen zu lassen, alles mit den Augen zu erfassen. Die ganze Welt fließt in einigen knappen Gesten einer einzigen Hand zusammen, zu einigen Fingern einer einzigen Hand, den Zeigefinger und den kleinen Finger, um auf einen Schauspieler oder einen Techniker zu weisen. Just be great, bekommt Jeanne Moreau zur Antwort, als sie Hinweise über ihr Spiel erfragt. Ein Abgrund um den widerlichen beleibten Körper, an den niemand mehr herankommt, er selbst am wenigsten, obwohl er manchmal noch einen Freund zu den Toiletten begleitet, aus Angst allein gelassen zu werden. Noli me tangere.
Nicht die Einsamkeit, die abends in einem Zimmer unseren Schatten bricht, nicht ein törichter Zeitungsartikel, der unsere Augen mit Wut verschleiert, nicht die Schlaflosigkeit, die die zerstreuten Gedanken verwirrt, nicht die verratene Liebe, nicht der Tod eines Freundes, sondern die Brandung der Beklemmung, der Zerfall des Körpers rund um seine träge gleichgültige Blutpumpe, die unabwendbaren Angriffe im Schnee rechtfertigen, dass man sich zu jeder Stunde mit Drogen voll pumpt, dass man sich wie ein Verrückter auf die Arbeit stürzt und die Träume unter einer Schicht Valium auslöscht.
Vor der Mutter soll man sich in Acht nehmen, sich hüten vor der schrecklichen Anziehungskraft, die einen auf einem Bahnsteig in ihre Arme hin zu ihrem zerfallenen Gesicht, ihrem lächerlichen Mantel, ihrer zerbrechlichen Vergänglichkeit treibt. Sie wird in den Filmen spielen. Um das in Angst und Schrecken versetzte und schreiende Kind nicht unnütz ertragen zu müssen, das Handgemenge widersprüchlicher Gefühle, um ihm noch heftiger ausgeliefert zu sein, wird man ihre Gesten filmen, ihre Stimme aufzeichnen, alles auf Filmmaterial bannen. Gleiche Vorgehensweise mit den Liebhabern, Geliebten, Freunden: Die ganze sentimentale Verwüstung, die Heimlichtuereien, die Finten, die gebrochene Zuneignung, die Gefühlspanik werden unverändert übernommen, und jeder findet sich darin wieder.
Ein dünner Strahl feuchten Lichts tropft von einer Straßenlaterne in der Clemenstrasse, die Unzucht dringt in das Blau der Nacht. Ein Penner pinkelt gegen eine Mauer, lässt die Schultern hängen, umarmt die Milde des Sommers, King Lear. Die wunderbar künstliche Beleuchtung färbt die Haut des Mannes, die Wangen, das willensstarke Kinn, wie in einem Hollywood-Studio der 50-er Jahre; seine Kleidung erinnert an das Kostüm eines Prinzen, eines bettelnden Odysseus, der keine Eile hat, die trügerischen Kurven seiner Penelope wieder zu finden. Rainer legt seine feuchte Hand auf die Scheibe - wie ein kühles Tuch auf die Stirn eines Götzen - und starrt die von den Fingern hinterlassenen Abdrücke an. Er könnte die Scheibe zerschlagen, die Aufmerksamkeit des Typs oben in der zweiten Etage wecken, prüfen, ob dieser ihn kennt oder nicht. Bestimmt ist er gar kein Penner sondern ein von seinen Freunden zum 37. Geburtstag gemieteter Statist, Freunde, die scheinbar nicht davor zurückschrecken, Scheinwerfer hinter den Bäumen zu verstecken und Bürgersteige, Parks, Kiosks, Bushaltestellen mit Pappkarton-Ganoven zu beleben, im gesamten Umkreis seiner Wohnung, überall, wohin der Blick des Meisters an diesem 31. Mai fallen könnte.
(Meister, wo ist Deine Bleibe?
Mein Besitz erstreckt sich bis weit hinter den Fluss, mein Kind. Frag nach Rainer, und jedermann wird Dich zu mir führen, Penner und Nutten, Bus- und Taxifahrer, Bullen in Uniform und in Zivil, Priester und Richter, Militärs, Anarchisten, sie alle werden eine Prozession bis zu meinem Palast bilden, sie werden Dich auf ihren Händen tragen aus Angst, dass Steine Deine nackten Füße verletzen, sie werden Dich mit Blumenkränzen schmücken, und der Eifer Ihres Gesangs wird bis tief in Deine Brust dringen. Meine Gesten werden sich wie Öl über Dich ergießen, Honig und Milch werden unter Deiner Zunge zerschmelzen, ich werde Deine Leisten mit Myrrhe und Aloe einreiben, leistest Du aber Widerstand, sollte ich das Empfinden haben, dass es Dir auch nur eine Sekunde durch den Kopf geht, nicht dabei zu sein, eine Sekunde nicht zu wollen, nicht zu lieben, eine Sekunde zu bedauern, dann wird meine Gewalt, mein muskulöses Fett Dich übermannen, und Du wirst mir unter Tränen danken, ausser Atem, erstarrt.
Unter dem Fenster, aus dem das sklavische Fest dröhnt, entblößt der Penner im roten T-Shirt seine Schulter à la Brad Davis, ein Stück seines Schwanzes und einen römischen Springbrunnen. Wird Querelle am Ende doch noch die goldene Palme davontragen, wenn ich mich durch das geschlossene Fenster stürze? Sie brauchen Blut, die Christen lechzen nach Blut. Nach der Kreuzigung ein - bei weitem unfehlbarerer - Fenstersturz. Die Palme fünf Tage danach, nach dem Goldenen Bären im Februar für Veronika Voss. Fünf Tage, nachdem die Palme an Missing von Costa-Gavras und an Yol von Yilmaz gegangen ist, hat die Jury eingestanden, dass sie nicht genügend Zeit hatte, um das neue Opus des genialen-deutschen-Filmmachers-und-Autors-von-43-Filmen-Fürsprechers-der-Minderheiten-und-
Tabubrechers-der-obwohl-er-wie-man-sagt-bis-zum-Anschlag-mit-Drogen-vollgestopft-ist-immer-noch-zu
-den-Lebenden-gehört-und-allein-die-Erneuerung-des-Films-auf-der-anderen-Seite-des-Rheins-verkörpert-RWF, ausreichend zu würdigen. Um diese widerliche Ungerechtigkeit wieder gut zu machen, hat die Jury einstimmig beschlossen, den wertvollen kleinen goldenen Zweig aus dem Safe von Costa-Gavras zu holen und RWF zu übergeben. Um Vergebung zu erlangen und dem legitimen Blitzschlag des Meisters zu entgehen, wird die Jury ihm überdies ein Jahr im Voraus die Palme 1983 für Ich bin das Glück dieser Erde verleihen, ein Film, für den die Dreharbeiten demnächst beginnen dürften.
Aber ich passe da niemals durch, meine Backen werden am Fensterrahmen wie Saugnäpfe kleben bleiben. Das bisschen Blut hingegen, das sich den Weg durch mein Fett bahnt, werde ich für die paar Ärsche aufheben, die ich noch in die Ecke treiben kann. Ein vorgetäuschtes Kidnapping kann ich nun wirklich nicht organisieren.
In Die Ehe der Maria Braun hält Hanna Schygulla das Handgelenk unter einen feinen Wasserstrahl, und jeder spürt das hervorsprudelnde Blut, ohne es wirklich zu sehen.
Wenn ich nicht auf sie zugehe, auf meine Freunde, auf all diejenigen, die sich auf der letzten Feier des unwürdigen dicken Mannes zeigen wollen, werden sie sich Sorgen machen, ich fühle sie in meinem Rücken, wie sie da warten, dass ich das Brot vermehre, dass ich sie mit einem nie versiegenden Wein tränke, ich muss mich um sie kümmern, auch an meinem Geburtstag: Kurt, Ingrid, Irm, Günther und die Toten, Ben Salem, Armin und all die anderen. Aber wenn ich ihnen jetzt mein Gesicht zeige, werden sie aus ihm meine Lust ablesen, sie mit Machetenschlägen zu verjagen.
RWF. Rainer Werner F. Das klingt schön wie eine Fahrzeugmarke.
Ein fetter RWF ist durch eine Wand gefahren, die sich ihm entgegengeschmettert hatte, um ihn aufzuhalten.
Das ist sentimental, wissen Sie, mein erstes Auto war ein RWF. Ich weiß, dass das Coupé nicht gerade schnittig ist, aber was soll man machen.
Ein gestohlener RWF hat alle Mitglieder der Jury überfahren, nachdem er die Treppen des Festivalpalasts erklommen hatte.
Wenn Du in der Schule gut bist, kannst Du Dir später einen RWF kaufen und die kleinen Jungen mit Lakritzengeschmack den Armen ihrer Väter entreißen.
Ein großer Typ im Hawaiihemd spricht anscheinend schon seit einer Weile mit ihm, er hat sich zu ihm gebeugt, ganz und gar nicht abgestoßen von dem weißen Anzugklotz unter einem dicken Haarschopf, der ihm als Gesprächspartner dient: Die Scheibe informiert Rainer beharrlich über die Anwesenheit des Fremden, die Scheibe, die den Spiegelbildern grässlicher greller Farben unter den Fingern standhält. War das Englisch? Hatte er diesen Typen eingeladen? I don't know, murmelt er, und versucht, ein Ohr oder eine Nase, irgendein festes Element in dem flüssigen Sprudel zu fixieren, dem er sich jetzt zugewandt hat. Es ist an der Zeit, zur Menge der tobenden Jünger zu stoßen. Denn Journalisten und Paare, dicke katholische Bourgeois und wohl meinende Linke, Schauspieler, Frauen, Liebhaber, auf die ihr einschlagen könnt, habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit.
Eine Nase über einem kleinen grauen Schnurbart muss diesem New Yorker Produzenten gehören, der ihn seit Jahren bestürmt. I don't know but I think about it, artikuliert er und befreit sich gleichzeitig mit ausholenden Gesten von dem zeitweilig eingefrorenen Wasserfall. I think about it, wiederholt er auf gut Glück und nähert sich Ingrid und ihrem leidvoll erstarrten Lächeln. Arme Ingrid. Für wen halten sie mich eigentlich. Ingrid, Ingrid, er fasst sie am Ellenbogen und hätte sie beinahe umgestoßen, das Paar hat seine guten Seiten. Rainer, sieh mal, was Kurt Dir mitgebracht hat. Können sie mich an meinem Geburtstag nicht in Ruhe lassen. Eine Flasche, das sieht nach einer Flasche aus, sie holt eine Flasche aus dem Karton, zweifellos Champagner. Kommen sie etwa bis hierher, um mir mit ihrem Projekt über die Bearbeitung von Tim und Struppi bei den Sioux auf die Nerven zu gehen, he? Rainer, alle Leute, die hier sind, wollen nur Dein Bestes, das sind Deine Freunde. Ihr frisches Gesicht, diese Zartheit, auf die man einschlagen möchte. Ingrid zieht ihn zur Küche. Menschen, Menschen, Menschen. Raubtierfütterung. Ihr brüchiges Gesicht, ihre glatte Haut, wie Milch. Die Unschuld ihrer Augen heult nach dem Wolf. Wenn sie sich wenigstens ein wenig auflehnen würde.
Zwei junge Männer auf der Küchenschwelle werfen lebhaft mit Worten um sich.
(...)
Der Körper ist eine Maschine, eine Maschine, die uns, was die Philister auch immer sagen mögen, für eine letztendlich ausreichende Zeit zur Verfügung gestellt wird. Vielleicht um die vierzig Jahre. Der Körper ist die Hülle, aus der Schönheit, Filme, Bücher, Gemälde dringen können. Der Zustand dieses Körpers, der Geschichten schreibt und filmt, ist uninteressant, die Geschichten erzählen nicht von diesem einen Körper, der die Feder oder die Kamera hält, sondern von allen anderen Körpern, von Hunderten von Körpern, die er kolonisieren wird, von Männern und Frauen jeden Alters und jeder Existenz, in die er durch all ihre Nähte eindringen wird, von der Beziehung zwischen diesen Körpern und wo sie leben, von der Beziehung zwischen diesen Körpern und woher sie kommen.
Für jeden Film wird ein schmerzensreicher Körper gewählt, ob Mann, ob Frau, hat diesmal keine Bedeutung, ein Körper, den wir alle langsam zermalmen. Das sind einfache Geschichten, armselige Melodramen. Eine alte Frau und ein immigrierter Arbeiter, ein Obst- und Gemüsehändler, dessen Schreie in den Höfen widerhallen, ein vom bourgeoisen Milieu, in das er eingebrochen ist, bis auf die Knochen ausgebeuteter Prolet. Es ist unabdingbar, dass die Dummheit der Opfer, von Mama Küsters, Ali oder Fox, den Zuschauer in die Verweiflung treibt, dass er Lust bekommt, sie mit Schlägen ein klein wenig wach zu rütteln, dass das Gemüt hingerichtet wird, dass die Opfer die Henker rufen, nur, weil sie im Tode in die Kolben ihrer Gewehre beißen wollen. Dass der Zuschauer ein wenig unruhig wird, all das etwas zu theatralisch, etwas zu systematisch findet, glauben Sie nicht? Dass sein Misstrauen geweckt wird, dass er seinem Nachbarn ein viel sagendes Lächeln zuwirft, das Lächeln eines kultivierten und unbestechlichen Zuschauers, er muss dieses kleine Kribbeln spüren, das den kundigen Filmliebhaber überkommt, wenn er glaubt, eine Form erkannt zu haben, er muss unruhig hin und her rutschen, sich im Voraus brillante Sätze, erbarmungslose Kommentare zurechtlegen. Und plötzlich, ohne Vorwarnung, sollen ihm von der Leinwand Gemarterte auf ihrem Scheiterhaufen zuwinken.
Im Anschluss an diese anfänglich ungemischte Wut trichtert man ihnen ein wohlwollend schallendes Lachen ein, vergleichbar mit dem Karateschlag, der das Fleisch zuerst entspannt, bevor er es zerreißt. Auf gut Deutsch, man tut alles für ein Zuschauergemetzel. Hass und Liebe, Blut und Tränen auf der Leinwand. Um den Zuschauer niederzumetzeln, muss man ihn berühren und um ihn zu berühren, darf er sich nicht verachtet fühlen. Mord ist ein unermessliches Zeichen des Respekts. Man verachtet Hollywood nicht, es kann Geschichten erzählen. In Windeseile verlässt man das Ghetto der Filmliebhaber, unter den Happy Few wird man nicht umherkreuchen.
Es gibt kein Genie, keine besondere Veranlagung, keine Sensibilität, die man hat oder eben nicht, dummes Geschwätz das alles, närrische Geschichten, Kurven von Mädchen, Hüften und Busen, das alles, es gibt nur das, was durch meinen Körper geht und die Beschaffenheit dieses Transportes, und damit DIESE Metamorphose reibungslos vonstatten geht, genügt es, wach zu sein, die Augen zu öffnen auf das, was unser Körper fühlt und aufnimmt, konzentriert zu sein, diese dicke Mauer zwischen Gefühl und Ausdruck zu durchbrechen. Aus der unweigerlich zunehmenden Qualität dessen, was wir zum Ausdruck bringen, entsteht eine nicht weniger zunehmende Qualität dessen, was wir fühlen. Fühlen, Beschreiben die passende Einstellung finden, die Beleuchtung, das Make-up, die Führung der Schauspieler verbessern und gleichzeitig besser fühlen. Auf Zeit den Körper völlig ausschalten, auf diesen von Depressionen und Müdigkeit angeschlagenen Zwischenspieler verzichten, Kamera oder Schreibwerkzeug werden, Dziga Vertov.
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ANGRIFFE AUF DEM WEG IM SCHNEE AM ABEND (Teil 2) Alban Lefranc Aus dem Französischen : Marion Sanchez Auszüge aus einem Roman, der im April 2005 bei Hogarth Press II erscheinen wird Ein weiterer Auszug in der Nummer 5 |
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Alban Lefranc: über den Autor
Marion Sanchez: über die Übersetzerin
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