‹‹‹ Nummer 3 - EXZESS
 
 
Huldigung
Text und Übersetzung: Alban Lefranc
Photos: Ingrid Gillain

Sie fuchteln mit Armen und Beinen herum und hören dabei beißende Musik, allein in der zusammengeschrumpften freien Fläche zwischen Tisch und Bett, durchgebrochener Körper, taub für alles, was die Knie nicht bricht - das Blut pocht, das Blut möchte heraus. Sie machen Liegestütze bis zum Krachen der Schultern, bis zum verschwindenden Atem - einem gewundenen Streifen.
Den Fluss entlang laufen Sie in einer Stadt, die Sie nicht mehr wahrnehmen. Stunden, in denen ihre Schritte größer werden: die Beine jubeln, die Brust verschmilzt mit den Schwingungen der Luft.
Drei Dutzend Stunden lang zechen Sie, literweise irgendwas, in irgendeiner Reihenfolge, die Müdigkeit der schlaflosen Nacht zwingt Sie zum Aufhören, Kokainmangel herrscht in diesen Tagen, Sie gehen in einen Park schlafen, endlich transparent für alles, und Sie segnen dabei manche erträumte Freunde, die Sie sich seit dem letzten Abend unablässig eingebildet haben, reale Irrende ab und zu, die einen vagen Glauben an irgendwas vortäuschen, an der Theke.
Sie schlagen einen Idiot, der Ihnen von ihr erzählte. Sein Blut bespritzt Ihr letztes sauberes Hemd. Er ist der Stärkere am Ende, Ihr Mund ist im Rinnstein, er bricht Ihnen ein paar Rippen, Zähne vielleicht, Sie lachen. Sie hören die Schläge - das Arschloch - die er Ihnen mit dem Stahl seines Schuhes zusetzt, Sie lachen sich zu Tode, es ist echt zu witzig, Ihr mit Alkohol getränktes Fleisch spürt gar nichts mehr.

Bestürzt wichsen Sie über dem Becken, von bitteren Neonlichtern umzingelt.
Sie versuchen aus dem Krankenhaus rausgeschmissen zu werden, Ihre aufdringlichen Annäherungsversuche gelten allen Krankenschwestern, in jedem Alter, allen, keine Gnade. Bei dem männlichen Personal enthält Sie ein allerletzter Schamrest. Es klappt. Nach zwei Tagen dürfen Sie eine Entlassung unterschreiben.
Sie bilden sich ein, zu den Zisterziensern in Soligny zu flüchten, ihr ganzes Leben aus der Zelle und wenigen Schritten im abendlichen Wald wiederquellend, das ganze Leben im intimen Nahkampf mit Gott, die Stille. Sie bilden sich das sehr schnell hinter sich gebrachte Begehren ein, den dummen Krampf des Begehrens, alle von Aufgabe und Gebet abgenommenen Bewegungen.
Eines Morgens lauern Sie auf sie beim Schulausgang, eine Stunde hinter einem Hain versteckt. Sie geht nicht raus.
Sie werden ernsthaft krank, als ob Hitzeanfälle an ihren Knochen sägen würden, Sie rasen, Sie haben Angst vor dem Tod, Sie beten Vaterunser herunter, Sie spotten über sich, ICH WERDE DIR DEN KOPF AN DER WAND ZERSCHLAGEN sagen Sie sich - auch sie spottet über Sie, sie lacht aus vollem Halse in den Schatten des Zimmers.
Sie bereiten sich vor.
Sie leben an der Oberfläche ihrer Schenkeln, ihrer Schultern, mit der Lust, mit den Bildern, mit den am Ende auswendig gekannten Gesten, den unmöglichen eingebildeten Gesten.

Konkret, tief in den Handflächen und im Gelenk der Finger gräbt sich die Möglichkeit ein, präzis, zu töten, die versteckte Geste. Die Möglichkeit, den Schmerzen des anderen Menschen zuzusehen, die Schmerzen zu ertragen. Die riesige Freude, den Schmerz dieser kleinen Schlampe zu genießen, die Sie verraten hat.
Die supersensiblen Menschen wie Sie sind die schlimmsten, mit ihren immer bereiten Tränen in den Augen, dessen Auslösepunkt sehr tief eingestellt ist, die sehr schnell kippen können, auf diese Möglichkeit hin, diese erspähende Freude in den Händen, und dies viel einfacher als diejenigen, die meisten, alle, die das Blut nicht erschrickt, der Schrei, diejenigen, die das Erschrecken des anderen Menschen nicht niederschlägt, die sich jeden Tag mit so was abfinden, mit dem Schrei, mit dem Erschrecken des anderen Menschen, diese da, alle.
Die ein wenig weinende Frau terrorisiert Sie, aber wenn eines Tages, wenn ein einziges Mal eines Tages, morgen, in der nächsten Stunde, wenn Sie ohne berührt zu sein in ein Gesicht schauen können, das aus Ihrem Munde kommende Worte zerknittert, wenn Sie sich an ihren zerrissenen Zügen erfreuen, ist es wahrscheinlich, dass Sie sie mit einer erschütternden Einfachheit vergewaltigen können.

Sie wissen noch nicht, wie Sie vorgehen werden. Ob Sie auf den Morgen warten, oder ob Sie sofort hingehen. Schön wär's, wenn Sie sie mit ihrem neuen Freund sähen, um sich ohne Mühe in das unwiderstehliche Krachen zu stürzen, das Ihre Gesten eine nach der anderen führen wird ... Es ist besser, auf heute Abend zu warten.

Sie joggen. Sie machen Liegestütze. Sie sind bereit.

Bevor Sie völlig bereit sind, sind Sie da, schrecklicherweise da mit Ihrem Warten, und das, was in Ihnen hochkommt, könnte Sie sehr einfach zerstören. Der Körper von den Bildern, die das Bier nicht mehr ertränkt, innen wie von Blöcken zermalmt.
Sie sind heute morgen drei Stunden lang gejoggt. Um sich Ihnen diese Lust vom Halse zu schaffen.

Nie werden Sie die Hand gegen sie heben.

Sie suchen mit Freunden nach einer Hure. Sie ist Senegalerin, sie trotzt Ihnen im zunehmenden Morgengrauen. Die Welt gehört Ihnen, Sie haben Geld. Schließlich sind Sie allein mit einem anderem Mädchen in dem kleinen Zimmer mit rotem Bett. Sie strengt sich sehr an. Im Spiegel sehen Sie ihre gemalten Lippen, Sie kriegen kaum einen Ständer. Zu viel Alkohol sagt sie in einem zögernden Französisch. Du bist sehr schön weißt du. Oh wie sanft scheint der Rinnstein, wo Sie die Worte der Liebe am Ausgang hinlegen möchten. Die Welt gehört Ihnen.

Sie glauben nicht, dass sie Angst haben wird, wenn sie Sie sieht, dazu entschlossen. Dazu entschlossen und lange genug dazu entschlossen, um bis zum Ende dessen zu gehen. Und wenn sie Angst hat, wird sie nichts verraten.

Sie kennt Ihre Kindlichkeit, Sandra, Ihre definitive Schwäche, die Wort-Kronen, die Sie sich flechten.
Mit unterdrücktem Lachen, wie Laken die einer zerknittert, flüstert sie in Ihr Ohr:
Ich kenne deine Kindlichkeit, deine definitive Schwäche, die Wort-Kronen, die du dir flichtst. Ich kenne die Macht meines nackten Körpers, wenn er so und so geneigt ist, wenn er sich von einem bestimmten Winkel aus anbietet, über jeder Faser deines Wesens, wie dann alle deine Worte die Flucht nehmen. Du wirst ganz nett kriechen, mein Kleiner. Mir ein paar Zungenküsse auf den Po geben, mich losbinden und mich gehen lassen. Ich werde dich nicht anzeigen, ich glaube nicht. Keiner wird dich verprügeln, keine Bange.
So ist sie, es sind die Worte ihres Triumphs, DASS KEINER SPRICHT, DER SIE NICHT KENNT, der ignoriert, was die Frauen können, DASS ALLE HURENSÖHNE MAUL HALTEN DIE AN IHRER STELLE SPRECHEN WOLLEN, DASS SIE AUFHÖREN, SIE FÜR FÜR DOOF ZU HALTEN, DASS SIE ABHAUEN BEVOR SIE IHR KLEINES WIXERMAUL RAMPONIEREN, DASS SIE SICH VERPISSEN VERDAMMT NOCHMAL!

die Macht meines nackten Körpers, wenn er so und so geneigt ist, wenn er sich von einem bestimmten Winkel aus anbietet,

Dass sie erstmal warten, bis sie die Ruhe kennen, die Ihren Körper beim Morgengrauen in Besitz nimmt, dass sie auf das große weinende Lachen warten, das Ihre Lungen rüttelt, dass sie erstmal wie Sie der Stille ihrer Knochen in dem langsamen Zurückströmen des Alkohols zugehört haben, dem gelben Whisky, wie er nach einem Stück Fleisch sucht, in das er noch nicht gebissen hat. Dann werden sie sprechen, das Recht dazu haben, zu sprechen. Davon, was die Frauen können.

Sie wird in der Niederlage triumphieren, ihre Königin, über jede Faser deines Wesens. Sie wird die Niederlage ignorieren. Mein Körper über jede Faser deines Wesens. Sie wird es schaffen, beim Sterben Sie noch mal niederzuschlagen, oh Ihre köstliche kleine verehrte Königin, oh ihr ganzer zitternder Körper, wenn sie sich nach ein paar Tagen Abwesenheit in Ihre Arme warf, oh ihre schweren Brüste, die Sie ihr zur Freude mit vollen Zähnen zerreißen mussten.

Sie wirklich töten, die Welle ihrer Lenden definitiv abschaffen, die nachts gegen Ihren Mund stößt.

Sie sind nicht so dumm, Sie wissen, dass Sie sie aus Ihren Adern nicht ausstoßen werden, außer wenn Sie sie im Schwimmbad öffnen, wie Sie es früher am Ende des Sommerurlaubs taten, Sie wissen, dass sie weiter in Gelächter über die armen Mädchen ausbrechen wird, die Sie nach Hause schleppen:
Weißt du, dass diese noch schlimmer ist als die anderen, und du wirst mir zumindest nicht weismachen, du seiest betrunken?

Seit langem geht es nicht mehr um Sie, noch um Ihren tauben Körper, sondern um ihren unerträglichen Triumph. Wirst du zumindest ihr sagen, der es Wurst ist, welchen Körper du suchst, wenn du die Augen niederschlägst?

Wenn Sie sie darin nicht töten, ihre stechende Stimme nicht ersticken können, wie mit ihrer realen Anwesenheit draußen, die jeder am hellen Tag bestätigt?

Sie wird Sie beschimpfen, Ihnen ins Gesicht speien.
Sie hoffen es.
Welchen Körper suchst du, wenn du die Augen niederschlägst?

So sicher sie ist, dass Sie es nicht können, dass Sie dazu nicht entschlossen sind, welchen Körper, wenn du die Augen niederschlägst? welchen Körper? dass die Tränen zu dem von ihr bestimmten Augenblick ausreichen werden. Gegen die Angstverlangsamung gibt es zu viel Tanz, im unspaltbaren Kern ihres Körpers festgeschlossen, zu viel Blut in ihr, der daran gewöhnt ist, gegen jede Versteinerung bis zum Bersten zu schlagen.

Er saß oben mit Freunden, Christine wies mich auf ihn mit einem Kopfwinken hin, er blickte fast sofort zu mir auf, es war vielleicht drei oder vier Uhr, ich hatte lange getanzt, ich glaubte, den Wein auf meinem Bauch rinnen zu spüren, und wie ich seine Augen mochte, die meine Brüste von weitem verschlungen. Erahnst du, wie gerecht und gut es ist, diese verkrampften Körper zu fühlen, dass eine einzige Bewegung sie mir liefert?

Sie wissen noch nicht, ob Sie sie tot oder lebendig vergewaltigen werden. Furchtbare Frage, fähig, Ihre Gesten beim richtigen Augenblick zu zerbröckeln, Fragen widern Sie an. Er blickte fast sofort zu mir auf. Tot eher glauben Sie ja tot aber das Blut tot das Blut widert Sie an tot eher.

Sie fest an dem winzigen lackierten Tisch in der Küche mit roten Blümchen befestigen, ganz nahe an der trübenden Ausschweifung der Strauchzweige, und sie da nehmen, oh Seligkeit! Oh souveränes Glück! Nachher leben, leben ja, dass man Sie nachher aus Mitleid leben lässt, dass man Sie mit der Reue leben lässt, langsam nachher leben, dass Sie sich jede Sekunde von jedem Morgen an jeden ihrer Schreien erinnern können, an jedes Abschaben ihrer Schreie in ihrer Kehle.

Sie sprachen gerade von ihr, aber nicht von ihrem Gesicht. Ihr Gesicht: wird es die Angst erleben?
Ihr Gesicht: auf ihrem Gesicht den Ausdruck in den Augen isolieren.

Wie sanft es ist, eine Frau zu sein, und dass die Welt mit mir sei, und die verkrampfte Langsamkeit der Männer. Nie zu sterben.

Was Sie ein bisschen stört: ihrer Mutter Kummer zuzufügen, die Sie gerne hatten, die nette Mama, die hat ihren zukünftigen Schwiegersohn gerne, die Mama, die gibt ihm Törtchen am Nachmittag, die schöne kleine Mama, ihrem Schwiegersohn, sie kuschelt ihren Schwiegersohn die Mama, oooooooohhhhhhhhhhhhhh die nette Mama sie nimmt für ihn Filme auf, sie ist äußerst zuvorkommend. Für weeeeeeeeeeeeeee ist dassssssssss?????????? Es ist für Sie, doch doch, oh danke danke Schwiegermama, oh.

ich hatte lange getanzt, ich glaubte, den Wein auf meinem Bauch rinnen zu spüren,

Ihre Mutter, die eine köstliche Freundlichkeit Ihnen gegenüber zeigte, nicht nur Freundlichkeit, sondern erschütternde Anteilnahme, ihre Mutter an Ihnen. Ihre versöhnende Mutter. Unfassbare Schönheit ihrer Mutter, die auf Sie zugeht, um Sie mit ausgestreckter Hand zu begrüßen.
Ihnen sagte ihr Gesicht, dass sie es wusste. Dass sie es verstand. Dass man vor der vollen Schönheit ihrer Tochter wahnsinnig werden kann. Im voraus verzieh sie Ihnen ihr Gesicht vielleicht. Sie soll geheult haben, als Sandra Sie verließ, Sandra sagte Ihnen, Ihre Mutter hätte geheult, als sie zu Ihnen kam, als sie Ihnen sagte, dass sie Sie definitiv verließ, sagte Ihnen Sandra, dass ihre Mutter heulte, ihre Mutter beim Abschied sagte Ihnen Sandra weinte, elle a pleuré je t'assure.

Und nie zu sterben.

Den Sanfmut, den Triumph der Milde, die Einfachheit, werden Sie am Gesicht ihrer Mutter gespürt haben, bei ihrer ruhigen Anwesenheit an Ihrer Seite, die Ironie im Frieden mit dem, was sie amüsiert. Die Ironie, die sich dabei entschuldigt, wenn sie sagt, tja alles in allem, ihr seht was ich meine, Kinder oder? Dass es keine Mühe wert ist, darauf zu bestehen, das ganze ist nicht viel, unter uns, eine winzige Sache, oder?

die Macht meines nackten Körpers, wenn er so und so geneigt ist, wenn er sich von einem bestimmten Winkel aus anbietet,

Ihr junger Bruder, für ihren jungen Bruder haben Sie auch im voraus Kummer, aber nicht direkt für ihn, eher arrogant der junge Bruder, sogar ungewollter Zeuge des Bruches, Zeuge von Sandra, hockend in der Küche mit dem Schälen von irgendwas beschäftigt, die Ihnen sagt Geh weg ich kann nicht mehr, Zeuge von diesem plötzlichen Ekel in ihren Augen für Ihre Hände die ihre Haare streichelten, für Christian haben Sie eher Mitleid, weil der Schmerz ihrer Mutter dadurch noch größer sein wird, dass sie ihn mit diesem Jugendlichen teilen muss, mit Christian, der noch nie die Gefahr des weiblichen Körpers kannte, der von dem zum weiblichen Höhepunkt gehörenden Wahnsinn nichts weiß, vom spezifischen Risiko einer Frau, die in Ihren Armen endlos kommt, der nichts weiß vom Risiko, diese Gabe einer Frau zu verlieren, mit der eine Frau Sie allein lässt, die sie nicht mehr aus Ihren Armen holen kann, die Sie selbst nicht mehr aus dem Kopf und den Händen und dem Blut rauskratzen können - wo sie jetzt tiefe Schläge zufügt, diese Gabe.

Wirst du dieser, der es Wurst ist sagen, welchen Körper du suchst, wenn du die Augen niederschlägst?

Der Körper müsste vielleicht begraben werden, Und nie zu sterben, dass davon nichts übrig bleibt, nie, dass ihre Mutter oder zumindest ihr Sohn (denn ihre Mutter wird es wissen glauben Sie, ihre Mutter vergibt Ihnen schon) bis zum Ende hoffen können, so lange hoffen, dass Sie sie vielleicht vergessen, warum nicht, ihren Körper in ungelöschtem Kalk verbrennen. Man sagt so was: ungelöschter Kalk, in ungelöschtem Kalk verbrennen, es scheint einfach, IN UNGELÖSCHTEM KALK VERBRENNEN IN UNGELÖSCHTEM KALK BRATEN UND HOP GANZ RUHIG NICHT ERTAPPT diese zusätzlichen Risiken hinnehmen im Andenken ihrer Mutter, die so gut zu Ihnen war, ihrer Mutter den Blick auf den zerstückelten Körper ersparen, dass weder ihre Mutter noch ihr Bruder ihren Körper nach Ihrer Behandlung sehen, Ihre langsame und durchdachte über jeden Hautzentimeter gehende Behandlung.
Und nie zu sterben.
UND NIE ZU STERBEN.
UND NIE ZU STERBEN.
Idealerweise könnten Sie nachher der Polizei entgehen, nachher. Idealerweise.
Das Gefängnis aber, zwischen Idioten allein in der Zelle, unten ihnen einsamer als in der modernsten Stadt, wunderbar allein mit dieser Vergewaltigung in jeder Sekunde, das Gefängnis ist sehr reizvoll, geben Sie zu. Welchen Körper suchst du, wenn du die Augen niederschlägst?

Daraus besteht die Unanständigkeit dieses abstrakten Studiums, das Sie schändlich verlängerten, dass es Sie vor dieser großen Wiederkehr vom Leben beinahe trennte, diese verkrampften Körper, vom Salz des Lebens wenn man die Körper brät, dass Sie nicht einmal wissen, wo ungelöschter Kalk zu finden ist, weder woraus er besteht, noch sogar, ob das, was man von seiner Kraft sagt, die lebendigen oder toten Körper bis zum Mark zu erschöpfen, wahr ist oder nicht.
gerecht und gut, diese verkrampften Körper zu fühlen
Es trennt uns von jeder Wirklichkeit dieses Studium, von jedem praktischen Verhältnis: WO IST UNGELÖSCHTER KALK ZU FINDEN VERDAMMT NOCHMAL?
gerecht und gut zu spüren, gerecht und gut, gerecht
Denn den Körper zu zerschneiden, bevor Sie die tropfenden, mühsam in Zeitungspapier eingewickelten Teile (in dichte Plastiktüten verpackt - die von Aldi sind sehr gut, wenn sie noch existieren, die mit dem Foto einer mit Morgengrauen bespritzen Lichtung darauf) in öffentlichen Gärten zerstreuen, dies erfordert starke Nerven, die Sie nicht haben, befürchten Sie.
Sie können es immerhin versuchen, mit den Stücken, und wenn Sie es nicht bis zum Ende bringen, nach dem ungelöschtem Kalk nachher suchen. Nein, erstmal nach dem Kalk suchen. Am Telefon zum Beispiel, sich erkundigen. Sich als Bauunternehmer vorstellen. Oder einen Bauarbeiter-Freund fragen, so was haben Sie bestimmt in Ihrem Freundeskreis, Sie sind gesellschaftlich verrückt seit ein paar Jahren, dieses Mädchen war sogar der letzte Schlag, der allerletzte Triumph. Genuss, sie von allen begehrt zu wissen, dass sie sich fragen, was sie mit Ihnen macht, dieses Fleisch ihres Traums.

Früh am Morgen ist es ideal, es ist bald soweit, und Sie brauchen keinen ganzen Tag mehr zu warten, einen Tag noch als Zusatz zu diesem Augenblick, wo Sie da sind, schrecklicherweise da. Sie müssen sie aber schnell bewältigen, schwierig, sie könnte schreien.

Idealerweise müssten Sie sie von Neuem verführen, idealerweise die Sache so organisieren, dass sie freiwillig zu Ihnen käme, so freiwillig und einer so sehr angenommenen Gewohnheit folgend, dass sie es für überflüssig hält, irgendjemandem Bescheid zu sagen.

Sie kommt, Sie schenken ihr ein starkes Schlafmittel (selbe folternde Frage, Sie haben schon so viel zu tun, bloß um da zu sein: wo ist ein starkes Schlafmittel zu finden?)

Sie schläft ein, Sie binden sie fest.
Sie wird wach.
Sie bemerkt, dass sie festgebunden ist.
Sie glaubt an eine beliebige Variante ihrer Sexspiele.
Jetzt ist es soweit: sie glaubt nicht mehr dran.
Sie ahnt vielleicht etwas.

Sie sprechen miteinander.

Was ist los? Du bist verrückt, wird sie sagen.
Ich bin nicht verrückt Sandra, werden Sie sagen. Ich möchte, dass wir uns ein bisschen zusammen unterhalten.
Stille.
Über das zum Beispiel, was du mir angetan hast, werden Sie vielleicht hinzufügen.
Befrei mich sofort, wird sie sagen.

Hier werden Sie aufstehen.
Sie stehen auf.

Sie werden sie zuerst ausgezogen haben, außer den schwarzen String den sie anhaben wird, sind Sie sicher (derjenige, der bei Ihnen zu Hause in einer Schublade der Kommode liegt, wenn sie sich nicht einen absolut identischen besorgt hat, müssen Sie ihr den ersten anziehen, die schweren Beinen hochheben, nicht in Panik ausbrechen, denjenigen, den Sie seit der Trennung in einer Schubladen der Kommode aufbewahren, oder den gleichen finden, wenn Sie ihn verloren haben, den gleichen kaufen, wenn derjenige, den sie trägt, ausnahmsweise nicht passt, ausgehen und einen anderen kaufen, aber warum nicht einen roten, apropos, warum nicht wechseln?). Sie werden plötzlich ruhig sein. Sie werden ein paar Schritte im beleuchteten Zimmer machen.

Sie liegt also hier, festgebunden, und genauso ruhig, wie zur Zeit ihrer Liebe, ruhiger als Sie, ruhiger als die Erinnerung an Ihre Liebe. Sie werden überall im Zimmer indirekte Beleuchtungen eingerichtet haben, eine diffuse Symphonie, Kerzen.

Nachher wissen Sie nicht mehr ob Sie sie geschlagen haben, es wäre neu von Ihnen, aber sie hat Sie so sehr verändert, Sie erkennen sich kaum, seitdem Sie mit ihr zusammen sind, und seitdem Sie mit ihr nicht mehr zusammen sind! Ihre Freunde auch nicht, der Bauarbeiter zum Beispiel, der keinen ungelöschten Kalk hatte. Wozu? hat er bloß gefragt, Sie haben nicht darauf bestanden, und Sie wissen immer noch nicht, ob er seine eigene seltene Verwendung meinte, oder ob er sich tatsächlich fragte, was Sie zum Teufel machen könnten, Sie, mit ungelöschtem Kalk. Tatsache ist, dass sie blutet, es ist eine unbestreitbare Tatsache in diesem Augenblick, wo Sie alles durcheinander bringen. Das Lid ist aufgerissen, eindeutig aufgerissen. Sie weint nicht. Sie erinnern sich daran, gerade in dem Augenblick, als Sie Blut an Ihren Fingern rinnen sehen, dass Sie sie nie weinen sahen. Niemals. Auch zum ersten Mal, als Sie sie verlassen wollten, haben Sie selbst und alleine geschrieen, auf die Möbel eingeschlagen, diesen Mitbewohner beinahe erschlagen, der über Ihre Unentschiedenheit leise spottete (Du verlässt sie und kommst in unmögliche Zuständen! Was willst du eigentlich? Wollen wir was trinken gehen, komm Alter!). Diesmal schlagen Sie sie und sind sich dabei dessen ganz klar bewusst, dass Sie sie schlagen (es scheint aber, dass Sie schon beim ersten Mal irgendwie eine Verantwortung hatten, für dieses Blut, für dieses aufgerissene Lid).
Arschloch sagt sie.
Ich tue was ich kann antworten Sie, wie in einem Boulevardstück.

Die Strassen sind schwarz, außer auf der Strasse Saint Denis rote und grüne Spritzer, abwechselnd. Wie immer beim Ausgang Erweiterung der Schläfen, Befreiung der Hände.

Sie gehen auf den Fluss zu, der seine Ufer überschwemmt haben soll, es hat gerade geregnet, das Wasser geht Ihnen voran. Geruch von Wasser, das den Himmel zwischen die Fassaden legt, Gewicht von Wasser auf der feuchten Erde.

Dresden - Paris, November 2001- Oktober 2002

Alban Lefranc: über den Autor
Ingrid Gillain: gridy@web.de

 

   
"Mood: Fucking angry. Affect: Very angry."
© 2002   das gefrorene meer - la mer gelée