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Altpieschen - Exposé |
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Die architektonische Situation
Der Baukomplex Altpieschen 5-15 wurde im Jahr 1912 vom Stadtbaurat Hans Erlwein als Obdachlosenasyl erstellt. Hans Erlwein wirkte von 1905 bis 1914 als Stadtbaurat in Dresden und war in dieser Zeit für die Errichtung zahlreicher, zum Teil heute noch für Dresden repräsentativer und überwiegend industriell genutzter Gebäude verantwortlich (beispielsweise das Gasometer in Reik, das als Theaterspielstätte weitergenutzt werden soll, der Schlachthof im Ostra-Gehege, der inzwischen zum Messegelände umgebaut wurde, der große Speicher u.a.m.). Wohnarchitektur war eigentlich nicht das Spezialgebiet Erlweins und das Altpieschener Karree ist somit eine Ausnahme in seinem Werk.
Das Areal kann über zwei Tore betreten werden, zwischen denen ein kleineres Gebäude steht, in dem sich heute die Kneipe "Destille" befindet. Rechts und links neben den Toren sind größere Wohngebäude, die vom Inneren des Carrés aus zu betreten sind. Hier, sozusagen an der "Pforte", hat auch der Hausmeister sein Büro.
Die Tore verweisen darauf, dass das Karree früher in stärkerem Maße von der Außenwelt abgetrennt und damit
nicht-öffentlicher Raum war. Hinter dieser Abgrenzung aus Toren, Mauern und Gebäuden liegt der eigentliche Wohnbaukomplex des Anwesens in Form eines zu den Toren hin geöffneten Hufeisens. An den äußeren und an den inneren Seiten dieses Hufeisens befinden sich zahlreiche Eingänge, die zu den Treppenhäusern der zweistöckigen Gebäude führen. Am hinteren Ende ist das Hufeisen mit einem Durchgang versehen.
Trotzdem sich ein gewisser ghettoartiger Charakter des Karrees erhalten hat, besitzt Altpieschen 5-13 auch Qualitäten eines öffentlichen Raumes. Zwei soziale Einrichtungen haben ihre Anlaufstellen dort eingerichtet, nämlich eine Familienhilfestelle der Arbeiterwohlfahrt, die v.a. von Kindern und Müttern genutzt wird und eine Jugendhilfeeinrichtung von outlaw gGmbH, die von Kindern und Jugenlichen im Alter von 8 bis 20 Jahren frequentiert wird. Der stärkste Anziehungspunkt ist allerdings die Möbelscheune, ein An- und Verkauf für Gebrauchtwaren, der inzwischen weithin bekannt ist und der auch einige Bewohner des Karrees mit etwas Arbeit versorgt.
Die Bewohner
Die Bewohner des Karrees sind überwiegend ältere, häufig alkoholabhängige Menschen, die von Sozialhilfe oder Rente leben. Sie wohnen meist alleine, zum Teil als Paare in den kleinen unsanierten Wohnungen, die ohne Bäder und mit Kohleöfen ausgestattet sind. Diese Menschen sind allesamt Originale; wohnt oder arbeitet man in Altpieschen, lernt man die meisten von ihnen schnell kennen. Sie sind durch ein komplexes soziales Gefüge miteinander verbunden, das nicht immer nur von Solidarität und Zuneigung gekennzeichnet ist. Trotzdem haben die Leute viel miteinander zu tun, vor allem im Sommer, wenn sich das gesamte Leben im Innenhof des Hufeisens abspielt. Zu dieser ursprünglichen Bewohnerschaft von Altpieschen sind in den letzten Jahren auf Initiative der Wohnbau Nordwest hin einige Studenten ins Karree gezogen. Abenteuerlust und billige Mieten (und für die zahlreichen Musikstudenten auch noch uneingeschränkte Übungsmöglichkeiten) haben die jungen Leute dorthin gelockt. Allerdings wohnen diese Mieter selten länger als ein Jahr im Karree.
Mit dem beschriebenen Objekt verbindet mich eine langjährige Beziehung. Als ich im Herbst 1992 nach Dresden kam, um dort Kunst zu studieren, wußte ich nicht wie ich meinen Lebensunterhalt finanzieren soll. Zufällig (bei einem Besuch der Möbelscheune) entdeckte ich im Januar 93 die Anlaufstelle von outlaw, und bewarb mich aufgrund meines Erststudiums als Sozialpädagoge um eine 10-Stunden-Stelle. Diese Stelle habe ich mit Unterbrechungen während meines gesamten Studiums und darüberhinaus beibehalten. In den acht Jahren meiner Arbeitstätigkeit in Altpieschen habe ich viele der Bewohner kennengelernt; einige sind in der Zeit verzogen oder gestorben, viele aber sind über die ganze Zeit hinweg als wichtige Institutionen im Karree präsent geblieben, zum Beispiel Charlotte mit ihren Katzen, die eine wichtige Informationsquelle für örtliche Neuigkeiten ist, oder Herbert, der Brennholzlieferant.
Von diesen einzigartigen Menschen soll der Film handeln. Von der außergewöhnlichen architektonisch-räumlichen Situation und von den Bewegungen der Menschen darin.
Filmische Umsetzung
Stilistisch soll der Film vor allem die Abwesenheit von Handlung zum Inhalt haben. Nichts passiert und das ist zunächst das wichtigste Beschreibungsmoment für das Karree. Dieses Nichts passiert wird vor allem durch lange Einstellungen zum Ausdruck gebracht. Einsichten in die besondere architektonische Situation sollen über lange, grundsätzlich vom Stativ aus gefilmte Einstellungen atmosphärische Dichte entwickeln. Die Menschen halten sich im Bildraum auf, oder schreiten durch ihn hindurch, wie über eine Bühne. Solche Situationen können durchaus inszeniert und unecht wirken (vielleicht bietet es sich sogar an, sie zu inszenieren), um deutlich zu machen, dass es sich hier nicht um einen reinen Dokumentarfilm handelt.
Zu den Bilder werden Atmosphärengeräusche aufgenommen, die aber prinzipiell nicht synchron angelegt werden. Besonders deutlich wird dies, wenn Personen auch halbnah oder nah aufgenommen werden und etwas sagen. Dieses Vorgehen schafft nicht nur größere gestalterische Freiheit bei den Aufnahmen und dem Verbinden von Bild und Ton, es unterstützt auch die These, das hier wirklich nichts von Bedeutung geschieht und gesagt wird. Wenn die Leute bei den Dreharbeiten wirklich wider Erwarten Statements abgeben, die mich interessieren, würde ich diesen Ton lieber an Schwarzbilder legen, als zu den Bildern der Sprechenden, um so den Eindruck der klassischen Interviewsituation zu vermeiden.
Der Film soll in 16mm-Farbe gedreht werden und ca. 40 Min. lang werden. Das Filmmaterial würde in seiner Materialität der vorgefundenen Situation, die auf vergangene Zeiten verweist (und die übrigens auch bald verschwinden wird, weil das Karree saniert werden soll), am besten gerecht. Die Farbe ist ein Verweis auf die Realität und wird meinem Anspruch nach Strenge in der Form gerechter als ein romantisierendes schwarz-weiß. Die Bild und Tonaufnahmen sollen bis zum Herbst 2000 abgeschlossen sein, die Endfertigung könnte im Frühjahr 2001 beendet sein.
Dresden, 2000
Bernd Kilian: bernd.kilian@web.de
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