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Nummer 2 - Territorium

 

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"Beim Stürzen hörte ich die Tür knallen, was mir Trost verschaffte, sogar mitten im Sturz"

Ausschließung: Fragen an ein Wort (1)
Gilles Clamens, Übersetzung: Alban Lefranc

"Der Name ist das richtige Instrument um die Wirklichkeit zu lehren, wie das Weberschiffchen zum Aussondern der Fäden." (Platon, Cratylus)

"Es gibt kein größeres Geheimnis als das Elend." (Oscar Wilde)


Angenommen, Ausschließung wäre nicht der Teufel. Allein das Wort müsste uns warnen: das selbe "excaludere" hat ausschließen (exclure) und sich öffnen, aufblühen, (éclore) als Bedeutung. Als ob gerade im Ausschließen ein Platz oder ein Echo für das Aufblühen (des Keimes, der Blume) gelassen werden sollte (hinausbringen heißt auch gebären). So selbstverständlich, so barmherzig, würde das Verbot der Ausschließung nicht etwas verbergen?


Derjenige der die untreue Frau ausschließt, ist der gleiche der sie rettet: "Geh!" Die anderen wollten sie eher einschließen, indem sie sie unter einem Steinhagel integrieren. War es nicht eine Zeit, in der das Ausschließen ein anderer Name für das Heilige war? Wir könnten an das Exklusive der Liebe denken: Trennung, ein Teil einem Teil gegenüber, zu ziehende Grenze. "Amo ut sis" sagt Augustinus: damit du bist, du selbst, und nicht ich. Auszuschließen hat etwas Gutes: ein mit Klarheit bekämpfter Skandal, eine deutliche Linie, die die Auswahl, die Bevorzugung, das Urteil und sogar das Opfer implizieren. Sind wir heute sicher, dass wir das Böse bezeichnen, wenn wir sagen, dass es ausgeschlossen werden muss?


Das Ausschließen der Ausschließung erinnert an das Verbot zu verbieten (2), eine Art und Weise die Konflikte zu lösen, indem wir sie ausschalten. Die Ausschließung auszuschließen, heißt es nicht, sie in ihren schlimmsten Aspekten bestehen zu lassen: d.h. sie ohne Antwort vorauszusetzen, ihr jede Chance zu nehmen, dass sie sich selbst verantworten kann?

Paradoxe. Die Bildung für Alle, dieser Hass auf die Selektion, lässt die finanziellen oder gesellschaftlichen Klüfte unberührt. Das allgemeine Wahlrecht, dieser Hass auf den Zensus gibt sich mit der politischen Apathie sehr zufrieden. Die Transparenz und die schnelle Information, dieser Hass auf das Fragen oder auf das Forschen, ist sehr nahe an der Unkultur. Der Humanitarismus, dieser Hass auf das Leiden, begleitet das Schlimmste: ethnische Säuberung, Lager, Bürgerkrieg. Und wenn unsere frühere Besorgnis um "die neuen Armen", unsere heutige um "Das Elend der Welt" oder über die Ausschließung in die gleiche Falle gehen würde?

"Armut" und "Elend" versuchen, die "Ausschließung" festzulegen. Armutsschwelle: 575 € pro Person und pro Monat in Frankreich. Sehr gut. Unter dieser Schwelle ist Elend. Es wird sogar gesagt, dass Zahlen hier keinen Sinn mehr haben; es wird versucht, dem Identitätsverlust, diesem Allerletzten, der Selbstverachtung einen Namen zu geben. Auch sehr gut. Die Sachen kehren sich aber seltsamerweise um. Hängt es von uns ab, das quasi-metaphysische Risiko der conditio humana auszuschließen? Das Elend gehört weniger zur Welt als zu mir selbst, als Sterblichem. Dieses Elend zu leben wird nicht ausgeschlossen werden, diese Endlichkeit, ohne die es keine Freude am Leben, kein Wunder des Existierens gibt. Wir können, wir sollen gegen die Vereinsamung kämpfen. Wir können aber nicht gegen die Einsamkeit kämpfen: unpersönliches Gegenüber, das ist die wahre Ordnung der Welt, und von mir selbst Sterblichem, Denkendem.

Wird aber wenigstens die Armut ausgeschlossen werden? Ich muss zugeben, ich kann mich damit genauso wenig begnügen. Wer ist arm? Dieser Reiche den alles verlässt - Hunger, Durst, Lust - unter dem Vorwand, dass er sterben wird? Dieser Arme, dessen ganzer Tag von einem Blick, von einem Wort erleuchtet wird? Dieser junge Mann, dessen häufige Liebschaften die Quelle eines Gespräches, eines Briefes, dieses Buches, das er nicht mehr zu lesen weiß, ignorieren? Dieser Fernsehgucker, dessen akzeptierte Hypnose noch eine Gewohnheit verstärkt, von der er weiß, dass sie weit verbreitet ist? Wer noch? Sie, ich, die ersten und letzten Ausgeschlossenen.

Was tun? Ein Tun sollte sich nicht darauf beschränken, zu vermeiden. Hier schließt sich die Falle in einer für die christliche Welt typischen Weise, von der Figur Christi eingeführt, mit Unrecht oder nicht. Weil die Ausschließung nicht teuflisch ist, wird gesagt, lieben wir sie wie eine heilige Geschichte. Unter dem Vorwand des Kampfes gegen die Ausschließung, wird ihre Verwurzelung in der Sünde des Lasters oder der allgemeinen Schuld gefeiert. So läuft das "charity business", dessen Botschaft verurteilt werden muss: eigentlich können wir nichts machen, wir sollen auch nichts dagegen machen können, insofern dieses eingewurzelte Böse das Versprechen unseres Heils ist. Die Herzen berühren, damit die Köpfe nicht wissen, dass wir dagegen etwas tun können; nur wenn sich eine Öffentlichkeit öffnet, wo gesprochen werden kann, wo gezeigt werden kann, dass überall, wo über das Wesen des Menschen - sei es aus Zärtlichkeit oder aus Kalkül - bestimmt wird, seine Person verleugnet oder eingekäfigt wird. Pädagogik, Pathologie oder Wirtschaft haben ihre Stelle, aber nicht die erste, die zum Privileg der Freiheit gehört.


Die Ausschließung ist nicht der Teufel, weil sie auch keine Heilige ist. Die richtige Politik ist weder gegen noch für sie: sie geht damit um. Besser gesagt: sie versucht, damit besser umzugehen. Aber mit einem im voraus als absolut gekennzeichneten Bösen kann nichts Gutes getan werden. Es heißt, es gibt in der realen Ausschließung etwas von einer möglichen Eröffnung. Das richtige Feld des Handelns ist weder die Ausschließung, noch ihr Gegenteil, die Integration; es ist die Emanzipierung, die zwar nicht ohne Mühe geht, aber es ist weder eine verteufelte noch eine geheiligte Mühe, sondern eine einfache Mühe.

Dass ein Wort uns nicht mehr passt, kann nicht reichen, um alles zu verurteilen, was in seinem Namen gemacht wird. Aber es wäre ein schlechtes Zeichen, wenn das Handeln wegen einer zweifelhaften Öffentlichkeit oder Werbewirksamkeit sich verkleidet oder travestiert. Die falsche Scham ist nicht die SCHAM, die sich ihrerseits keine Sorge um das Verbergen macht. Nur mit Hilfe dieser SCHAM ohne Schleier können wir von diesem ordinären Übel - unserer Ausschließung - sagen, was wir mit ihm anfangen können und müssen.


Bergerac, 2001

 

Anmerkungen:

(1) Die französischen Medien erfinden alle drei Monate ein Wort das sich als Schlüsselbegriff der Wirklichkeit verkaufen will. "Exclusion" (Ausschließung) ist ein solches, mit allen seinen Varianten. Es wird von den Ausgeschlossenen gesprochen (sogenannte "SDF", Obdachlose, "Sans papiers", Illegale usw.), von der Maschinerie der Ausschließung ("la machine à exclure") und Jacques Chirac hatte seine Kampagne 1995 mit dem Begriff des "sozialen Bruches" ("fracture sociale") bestritten… A.d.R.
(2) il est interdit d'interdire: berühmtes Moto des französischen Mai 68, A.d.R.

Gilles Clamens: gilles.clamens@wanadoo.fr
Alban Lefranc: alban.lefranc@voila.fr

 

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