‹‹‹ Nummer 4 - FORTSETZUNG
 
 
LOVE STREAMS - unable to find his way home
Alban Lefranc
Übersetzung: Angelika Gross

"Aus solchen Abgründen, auch aus dem Abgrunde des grossen Verdachts kommt man neugeboren zurück, gehäutet, kitzlicher, boshafter, mit einem feineren Geschmack für die Freude, mit einer zarteren Zunge für alle guten Dinge, mit lustigeren Sinnen, mit einer zweiten gefährlicheren Unschuld in der Freude..." (Nietzsche)



In seinem letzten Film, Love streams, seinem chaotischsten, in dem er mit sämtlichen Themen seines Universums ein für alle Male abschließt, läßt Cassavetes sie nochmals in einem letzten moralischen und stilistischen Licht aufscheinen, bevor der Meister wenige Jahre später von der Bühne abtritt, als ihn im Alter von 59 Jahren der Krebs ereilt, nicht ohne sich jedoch von uns in der letzten Einstellung mit einem kleinen Wink zu verabschieden.

Allem Anschein nach hat Cassavetes ursprünglich nicht vorgehabt, die Hauptrolle zu spielen, nur der Ausfall des dafür vorgesehenen Darstellers soll ihn dazu gezwungen haben. Seine Anwesenheit ist jedoch schon vom ersten Augenblick an entscheidend: ein ausgemergeltes Gesicht, tiefe Furchen in den Wangen, ununterbrochenes Mienenspiel mit Zuckungen, gewaltiges nitzscheanisches Gelächter, gebrochene Körperhaltung mit Spuren von Prügeleien oder Stürzen, ein schleppender Gang, der sein unerschütterliches Aufrechtstehen von Zigaretten bezieht: kein leidender oder verzückter Körper, sondern ein Körper, der das Leben anpackt - und dem das Leben Gleiches mit Gleichem vergilt.

Einmal mehr schält John Cassavetes einige äußerst intensive Lebenssituationen heraus und wischt sämtliche narrativen, chronologischen, psychologischen Elemente vom Tisch, durch die wir eine beruhigende Sicht der Dinge gewinnen und den Eindruck erhalten würden, sie seien handgreiflich. Er schneidet sie - und sein Genie ist es, uns in den Glauben zu versetzen, es sei reiner Zufall - aus einem unerhörten Gewimmel von Leben, aus einer solchen Fülle aus, dass man nach dem Besuch dieses zweistündigen Films so ziemlich das Gefühl hat, sich eine Weile in Proust vertieft zu haben (mit dem er eine abgrundtiefe Verachtung für plausible Verkettungen teilt, wir kommen noch darauf zurück): man ist von dem Übermaß an Kraft erschöpft, dem Übermaß an Lebensenergie dieses Universums, wo jedes Atom gesättigt ist.(1)

Cassavetes kommt hier, in dieser Herstellung von Situationen aus dem Nichts, die überall sonst als unwahrscheinlich (2) erscheinen würden, wieder zu dem bekannten Grundsatz zurück, den Koltès in Bezug auf Quai West erklärt hat - bei dem er von Kochs Selbstmordwunsch ausging und sich die Frage nach dem Warum? (zu verschwommen, läßt Hunderte von widersprüchlichen Antworten zu) ersparte, um sich auf das Wie? zu konzentrieren (von viel stimulierenderer konkreter Härte). Ebenso ist die zerstörerische Entwicklung von Ferraras Bad Lieutenant ein Ausgangspunkt, den niemand zu diskutieren gedachte: sie bestimmt ihn als Figur, die außerhalb davon kein Dasein hat. Love streams ist dagegen auf einer Reihe von Blöcken aufgebaut, deren Verhältnis zur Chronologie sehr zerstreut und luftig ist - es sind Blöcke, auf deren Oberfläche zwei beunruhigende, unmenschliche, ungeheure Figuren schwimmmen, zwei Figuren-Kontinente, in deren Mitte viele Urvölkerschaften in undurchdringlichen Wäldern beieinanderwohnen: Robert Harmon (gespielt von John Cassavetes) und Sarah Lawson (Gena Rowlands), Bruder und Schwester im Film, Mann und Frau im Leben. (3)

DIE FÜLLE ODER: WAS IST DENN EIGENTLICH LOS?

Immer wenn sich ein Augenblick großer Müdigkeit, großer Lustlosigkeit einstellt, ist der Augenblick gekommen, um sich zu fragen, was eigentlich los ist. Das geschieht immer im Nachhinein, denn man hat manchmal das Bedürfnis zu glauben, eine erwachsene Person mit Zielen und Strategien zu sein. Denn mitten im Ereignis: es entzieht sich uns auf allen Seiten, es läuft über, kein Halt ist möglich. Sie begegnen einer Frau, Sie sprechen sie an, Sie versinken in ihren Blick, Ihre Hand streicht über die Kurve ihrer Hüfte, ein Schatten spielt in ihrer Schultergrube, der Lidschlag deckt alles zu und siehe da! Ihre Knochen sind plötzlich von einem neuen verliebten Körper umgeben … Sie begreifen nichts oder fast nichts von dem, was da vor sich geht, kein Abstand ist möglich. Sobald etwas geschieht, geschieht nichts mehr, in dem Sinn, wo keinerlei chronologische, psychologische oder logische Gliederung mehr möglich ist. "Wie geht doch das Leiden in der Psychologie viel weiter geht als die Psychologie."(4) Sie sind mehr ein Behandelter als ein Handelnder, oder wie es Perros ausdrückte: ich arbeite nicht, ich werde bearbeitet. Mut haben sich zu öffnen, ist das genaue Gegenteil von Passivität oder Aufopferung.

Genauso verhält es sich mit den meisten Filmen von John Cassavetes. Auf der Leinwand werden Figuren (auch dieses Wort täuscht - sogar die körperliche Kruste der Darsteller ist in jedem Sinn verdreht) bei der Umschiffung des Kap Horn gezeigt - die nur auf eine einzige Art möglich ist: sehr schnell. Aber wenn in den vorhergehenden Filmen, wo die meisten Ereignisse schon durch das betrunkene und überdeutliche Bewußtsein eines angeheiterten Geoffrey Firmin wahrgenommen werden, einige Mindesteinstellungen von Ruhe und Erläuterung, einige Szenen, wo sich die Figuren erklären, eingebaut sind, gibt es in Love streams nur ununterbrochene Zusammenstöße.

Robert Harmon (John Cassavetes), das Gesicht von Prügeln verbeult (später erfährt man, dass es ein Sturz war), geht mit einem jungen Mädchen in einem großen Haus umher, während seine Frau ihm vorwirft, ein Feigling zu sein und sich hinter dem Kind zu verstecken. Aber dieses Mädchen ist meine Spielkameradin, erwidert der Mann. Man kann nicht von Prolog reden - das junge Mädchen tritt nicht wieder auf und die Mutter nur ganz kurz. Hier wird nur der Grundsatz Robert Hamsons (und der seiner Schwester) in Handlung festgehalten: die Zuwendung, die Kinder und Alte mehr als jede andere Kategorie von Leuten einander annähert (Robert Harmon sagt ganz richtig seinem kleinen Söhnchen: er mag Männer nicht besonders, geh in einen Imbiss am Straßenrand und du wirst sehen, was ein Mann ist, sagt er zu ihm, nicht besonders interessant, und genau betrachtet, mag er auch keine Frauen, er bevorzugt Kinder und Alte - eigentlich behandelt Robert Harmon alle wie die homerischen Könige ihre Bettler behandeln: prächtig, unter der Bedingung jedoch, dass sie sie von Zeit zu Zeit den Abhang hinunter schicken).

Folgt eine Sequenz, wo sich Robert Harmon in seiner Wohnung mit einer Reihe junger Frauen unterhält, sie danach fragt, was sie mögen, nach ihrer Definition von "having a good time", ob sie dazu jemanden brauchen usw. Eine von ihnen, eine 18-Jährige, beantwortet seine Fragen wie bei einer Prüfung, ein bißchen trotzig und mürrisch. Man wird nie erfahren, wer diese Frauen sind (4 oder fünf), ob es Mädchen sind, die er sich für ein paar Tage gekauft hat oder nicht (ein gewisser Jean Baptiste Morain in der Zeitschrift Inrockuptibles meint ja, er weiß von dort, wo er ist, dass es Huren sind, die sich "der reiche, orgiensüchtige Schriftsteller" geleistet hat, Jean-Baptiste Morain hat großes Glück). Man wird Robert Harmons ansichtig, im Bett mit zwei von ihnen. Zwei andere oder dieselben bespritzen sich mit Wasser und lautem Auflachen im Badezimmer. Als sie wieder weggehen, stellt er jeder von ihnen einen Scheck aus. Diese plötzliche Einmischung von Geld - und mit ihm seine anstößige Fähigkeit, eine Beziehung bloßzustellen - ist eine sehr konstanter Zug bei John Cassavetes, und man ermisst die gesamte Entwicklung seit Faces, seinem ersten Fluss-Film. Am Anfang von Faces diskutieren zwei Männer mit einer jungen Frau (Gena Rowlands), und in einem allgemeinen Rausch und einer sehr schönen Leichtigkeit zeichnen sich Verführungsdreiecke ab. Einer der Männer stellt Gena unvermittelt die Frage, wieviel sie nehme, und verdirbt das Programm - hier haben wir ein schönes Beispiel für eine fiktionale Umkehrung, der tadellose Satz, der eine Situation platzen läßt und das Verhältnis der Figuren untereinander erschüttert. Aber in Faces wird die Situation von den Darstellern als ein Schock erlebt - das Geld holt sie ein, der Schein trügt, die Hölle lauert, es gibt keine Spontanität usf. Cassavetes war selbstverständlich nie schulmeisterlich, und bereits der Gegenstand von Faces ist mehr die Intensität der Körper als irgendeine moralische Abhandlung über sie. Love streams geht jedoch noch weiter: der Film läßt diese Frage völlig außer Acht (die moralische Stärke, die erzählerische Wirksamkeit dieser Frage, die uns dazu bringt, Figuren Etiketten anzuhängen) und bringt es fertig, sie den Zuschauer vergessen zu lassen. Dort, wo Faces mehrmals diesen Umkehrmechanismus einsetzt, um den Gestalten ihr eigenes Wesen zu offenbaren und die Masken fallen zu lassen (man braucht nur an die vier Frauen unbestimmten Alters zu denken, die aus der Disko mit dem jungen, von Seymour Cassel gespielten Aufreißer zurückkommen und die innerhalb einer Viertelstunde sämtliche Stationen des Begehrens und der Flucht vor dem Begehren durchlaufen), zeigt uns Love streams einfach Körper, zwischen denen sich gelegentlich ein Scheckheft breitmacht (immer das von Robert Harmon). Schau her, er stellt einen Scheck aus. Einmal Robert Harmon, der für die Frauen, die seine Wohnung wieder verlassen (die ebensosehr an die Prozession junger Mädchenblüten am Strand bei Proust erinnern wie an die Gruppe kreischender Mädchen, die Joseph K. im Prozess von Orson Welles terrorisieren), fünf oder sechs ausstellt, nochmals Robert Harmon, der einen seiner Frau ausstellt, mit der er nicht mehr zusammen ist und die ihn darum bittet, ihren gemeinsamen Sohn zu behalten, dann wie er in einem Auto zwei weitere für in Las Vegas (5) gefundene Mädchen ausstellt (es ist die einzige Szene, in der das Verhältnis zu Prostitution am offensichtlichsten ist - das heißt jedoch trotz allem nur wenig, da alle drei völlig angeheitert sind). Das Schrecklichste hier ist das völlige Fehlen von Zynismus. Der Zuschauer, außer er wäre ganz verdüstert und würde dem Sturm von Lebendigkeit standhalten, der den Film durchzieht, hält sich nicht bei der Frage des finanziellen Verhältnisses in diesen Situationen auf. Sich diese Frage zu stellen, hieße, sich wieder auf die Stufe von Fragen nach der Erzählung, nach den Personen begeben: wird er sich in eines der Mädchen verlieben? Wird sich eines der Mädchen in ihn verlieben? Ist er ein Scheusal? Jedenfalls hat das Universum von Cassavetes nichts mit dem kitschigen Brei von Amélie Poulain zu tun, ihn durchquert nur eine Härte und eine Grausamkeit, die ebenso stark ist wie seine Freude, es ist ein männliches Ja zu dem, was ist, zu allem, was ist.

Nur im Nachhinein (zum Beispiel beim Zähneputzen vor dem Schlafengehen - der Augenblick jeder Schwäche) stellt sich ganz dumm die Frage des Warum, der Glaubhaftigkeit und der Beweggründe. Warum waren eigentlich all diese jungen Frauen bei ihm? Und wer ist diese von einem Mädchen begleitete Sekretärin, die die Adressen der Halbwüchsigen aufschreiben sollte? Und warum steht da seine Ex-Frau mit seinem Sohn, den er seit dessen Geburt noch nie gesehen hat, in seiner Wohnung? Und warum sucht eine andere Frau, Sarah, bei ihm Zuflucht? Warum ist Letztere von ihrem Ehemann und ihrer Tochter verlassen worden? Die Kunst Cassavetes besteht darin, diese Fragen hinfällig werden zu lassen, uns die Schamröte ins Gesicht zu treiben, wenn wir uns sie stellen. In seinen Filmen haben die Begegnungen und die Dialoge eine autonome Kraft, die fähig ist, alles ihnen Voraufgehende in Stücke zerplatzen zu lassen, sie ähneln der Unterhaltung zweier sturzbetrunkener Unbekannter um fünf Uhr morgens, bei der ein einziges Wort reicht, um Umarmungen oder Prügeleien auszulösen. (6) Die Dialoge, Cassavetes und Gena Rowlands als Darsteller, versetzen uns in Situationen einer solchen Intensität, dass alle gewöhnlichen Fragen über Absichten, Ziele und Mittel erst im Nachhinein auftauchen, wie man sich mühselig an etwas als arm bekanntes hängt, wie das Bewußtsein immer nur ein zu kurzes Licht auf das zu werfen vermag, was auf allen Seiten über es hinausgeht.(7)

Da wo Faces und fast alle vorhergehenden Filme als Markenzeichen eine anscheinend betrunkene Kamera hatten, die jeglichen Abstand zwischen den Gesichtern aufhub, und unter Kilometern von Filmbändern den wunderbaren richtigen Ausdruck nur eines Gesichtes oder eines Körpers (8), benutzt Love streams feste Einstellungen und langsame Travellings.
Sarah Lawson, deren Tochter ihr vor dem Richter sagt, sie wolle bei ihrem Vater leben, steht auf, durchquert den kleinen greulichen weißen Raum, bringt einen Anwalt dazu, ihr seinen Platz zu überlassen, macht die Tür auf, verläßt den Raum, schreitet in einen etwas größeren Raum an Leuten vorbei, die auf Tasten hämmern, legt sich ganz langsam auf den Boden.
Robert Harmon betritt einen trostlosen Nachtklub mit einsamen, unbeweglich dastehenden Männern, ein leerer Abstand trennt gleichmäßig sämtliche Körper, eine starke Beleuchtung gibt die Gesichter preis, die auf der Bühne gespielte Musik läßt das Bild einer ewig dauernden Stille zwei Meter unter einer sehr dicken und recht schwarzen Erde aufsteigen - Robert Harmon betrachtet die Tänzerin.
In einem Traum versucht Sarah Lawson ihren Ehemann und ihre Tochter zum Lachen zu bringen, die sie beide am Rand eines Schwimmbads zusammengebracht hat, zieht vor deren vollkommen unbewegten Gesichtern (nicht zum Verzweifeln gebrachten, sondern unbewegten) eine Schau nach der anderen ab, beschließt zu wetten, dass sie in dreißig Sekunden in Lachen ausbrechen würden, er würde schon einen Dollar darauf setzen, sie wirft "die Liebe, den Höchsteinsatz" in die Waagschale, sie ist noch immer die einzige, die über die eigenen Witze lacht, am Schluss steigt sie auf das Sprungbrett und springt nach einem Doppelsalto rücklings mit nach hinten gebeugtem Kopf ins Wasser.

DIE WEITEN UNTIEFEN

"Wenn wir aus Gründen der Argumentation sagen würden, dass er verrückt ist, dann möchte ich lieber verrückt als weise sein … ich liebe jeden Menschen, der ins Wasser springt. Ein Fisch kann nah an der Oberfläche schwimmen, aber es braucht einen großen Wal um 5000 Fuß und mehr hinunterzutauchen…"
Melville

In einem der letzten Einstellungen ist Robert Harmon Opfer einer Halluzination, die sicherlich auf einem Zustand von Delirium Tremens beruht. Ein ihm gegenüber sitzender Mann nagelt ihn mit dem Blick fest. Und Robert Harmon bekommt einen heftigen Lachanfall (die Kamera bleibt bei dem Lachen stehen, bevor sie die Vision zeigt), schüttelt sich in einem schallenden Gelächter, das Nichts und Niemand (vor allem nicht eine Erscheinung) aufhalten kann. Die ganze Einstellung von Robert und seiner Schwester Sarah wird hier sichtbar: den Wahnsinn und den Tod verneinen, wie der Reitknecht des Siebenten Siegels in der letzten Sequenz des Films von Bergman verneinte, den weißen Todesclown gesehen zu haben. Es gibt keinen Tod (lasst uns als als Unsterbliche leben), es gibt keinen Wahnsinn ("Nicht dass wir so tun wollten, als wären wir verrückt, doch werden wir es auf unsere Weise und zu gegebener Stunde, wir müssen nicht dazu gedrängt werden"). (9)Oder wie Maurice Pialat sagt, wenn er Van Gogh zitiert: Traurigkeit wird es immer geben, aber es ist die Traurigkeit der anderen.

Auch die Worte Sarahs sind den Instanzen gegenüber, die vorgeben, sie festzuhalten oder sie zu führen (Richter, Psychoanalytiker) von fabelhafter Andersartigkeit. Dieses durch die Gegenwart von Gena Rowlands bewirkte Durchbrechen von normopathischen, sozialen Floskeln läßt an das luftige Schreiten von Charlotte Rampling in Unter dem Sand denken, durch die kleinbürgerlichen Sorgen ihrer Umgebung. Zwischen den beiden Universen ist keine Begegnung irgendeiner Art möglich. Und Sarah bringt diesen Floskeln im Übrigen in keinerlei Verachtung entgegen (10) : ich habe viel Zeit, sagt sie zur Richterin - aber worüber wollen Sie denn reden, fragt Letztere, über Liebe, antwortet Sarah ruhig.

Der Psychiater spricht mit Sarah über sexuelle Beziehungen, übermäßige Liebe (Ihre Liebe ist Ihrer Familie zu viel - wenn Sie sie nicht vergessen, droht Ihnen die Zelle), leitet neue Strategien, Ziele und Zwecke ein: eine für Sarah fremde Welt, sie antwortet ihm Liebesströme, dauerndes, ununterbrochenes Strömen. Man gibt sich bei John Cassavetes nicht oft der Selbstbetrachtung hin: dazu ist keine Zeit. Man stellt sich nicht oft die Frage, ob man geliebt wird - dieser überaus gefährliche Fallstrick - man liebt und begehrt vor allem, egal was passiert. Sarah vertraut ihrem Fühlen vollkommen und beschließt nach einem Aussöhnungstraum (sehr schön, sehr melodramatisch, auf einer Opernbühne) ihre Familie wieder aufzusuchen. Auch Robert Harmon setzt den Arzt vor die Tür, der gekommen war, um Sarah zu beobachten. Sarah ist jedoch wie außer sich (Ich weiß nicht, wer ich bin), nicht sehr vom Zustand in Eine Frau unter Einfluß entfernt - und die Einstellung ihres Bruders, der die Hilfe des Arztes ablehnt, kann schrecklich unverantwortlich erscheinen. Ist es auch sicherlich. Aber welches Hoffen- und welcher Erfolg! Unmittelbar danach träumt sie von der Aussöhnung, was sie dazu bringt, auf der Stelle ein Flugzeug zu nehmen, um die wieder aufzusuchen, die sie verstießen.

Der Wahnsinn kann sich bei John Cassavetes in dem Gewicht äußern, die der geringsten Unterhaltung beigemessen wird, in der grundlegenden Unfähigkeit Sarahs, zwischen wichtigen und anderen, vernachlässigbaren Augenblicken zu unterscheiden. Alles wird beherzt angepackt, Dinge und Leute, und es ist nicht verwunderlich, wenn das manchmal kippt. Sie betritt eine Kegelbahn und erzählt dem Kassierer, dass sie sich große, wirklich große Sorgen um ihre Tochter macht (er versteht, er hat auch eine Tochter), aber sie hat die Sache im Griff, nur keine Sorge, sie gehört nicht zu denen, die sich geschlagen geben, im Übrigen ist sie nicht zum Spielen hergekommen, Ich schau mich nach Sex um, wissen Sie. Bei Cassavetes (wenn man die Richter, die Ärzte, die Psychiater ausnimmt) haben die meisten Leute diesen sehr heilsamen Grad an Einsamkeit erreicht, wo ein Gespräch mit dem ersten Besten möglich wird, über das Lachen, über Prügel, wenn es sonst wirklich keine Wahl gibt.

Halten wir noch einmal den Griesgramen entgegen: auf sehr schönen Seiten macht Nathalie Sarraute aus dem Wort von Katherine Mansfield ("this terrible desire to establish contact") (11) den Schlüssel der gesamten zeitgenössischen Literatur, sie beschreibt Dostojiewski als den Frühmeister dieser Strömung, wo barbarische und monströse Gestalten (der Vater Karamasow zum Beispiel) verzweifelt versuchen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Anderen zu bleiben, und sich nicht scheuen würden, sich einen Arm abzureißen um dadurch eine Reaktion auszulösen. Aber sie sieht darin etwas sehr Düsteres, gänzlich Trost- und Auswegloses. Nicht nur kann Dostojiewski sehr witzig sein (bei seinen Spitzen gegen die romantische Unbestimmtheit oder die Nihilisten), aber Cassavetes zeigt, dass man mit denselben Voraussetzungen (ja, die Figuren sterben vor Einsamkeit, ja Robert Harmon nimmt Unmengen von Alkohol zu sich, ja, in Love streams und allen anderen Filmen wird man viel öfter handgreiflich als dass man sich küsst), etwas ganz anderes machen kann: die Lebenslust seiner Figuren läßt nirgends nach, keiner wird auch nur ein einziges Mal dabei überrascht, dass er sich über seine Lebensbedingungen beklagt - die Aufopferung, die Flucht in die Wüste, Gott, der Selbstmord (ausgenommen der Selbstmordversuch in Faces, der im schönsten je gefilmten Aufwachen aufgelöst wird), sind Kategorien, die bei John Cassavetes gänzlich unbekannt sind.



***



Wie in den Filmen von Pialat(12) wird in den Filmen von Cassavetes hemmungslos geprügelt. Robert Harmon fällt sturzbetrunken eine Treppe hinunter (was nebenbei ganz im Vorbeigehen für die, die die Zeit haben, die Erklärung für sein verbeultes Gesicht in den ersten Einstellungen ist), Robert Harmon wird vom neuen Ehemann seiner Ex-Frau verdroschen, sein Sohn stößt sich absichtlich den Kopf an einer Tür. Aber man sollte jeder Interpretation das Wasser abdrehen, die darin einen Ausdruck von Verzweiflung sehen würde. Es sind Unfälle auf dem Weg intensiv lebender Leute.(13) Es gibt in der Wahrnehmungsweise Cassavetes dieselbe Trennungslinie wie bei den Lesern Kafkas oder Becketts. Es gibt die Griesgrame, die ihre eigene Traurigkeit hineinprojizieren, die von einer Welt der Verzweiflung reden, von negativer Theologie, der ganzen Armada eines Maurice Blanchot (die im Übrigen sehr schön ist, aber mehr etwas über Blanchot als über Kafka aussagt). Und es gibt die, die lachen, ein kaltschnäuziges, naives Lachen, sagt Beckett, das einzig Mögliche. (14)

(1)
"Mir ist der Gedanke gekommen, dass das, was ich jetzt machen möchte, ist, jedes Atom zu sättigen" (Virginia Woolf, Tagebuch)

(2)
Daher wird es auf amüsante, aber auch frustrierende Art fast unmöglich, einen Film von John Cassavetes jemandem zu erzählen, der ihn nicht gesehen hat - eine Unmöglichkeit, die uns ein sehr sicheres Kriterium liefert, durch das sich große Werke erkennen lassen: all die, von denen zu reden man unwiderstehlich Lust hat, mit Tränen und Ausrufen des Wiedererkennens, und von denen man genauso unwiderstehlich nichts sagen kann. Aber in diesem Artikel ist von Love Streams die Rede! Nein, nein, es ist von all den Ausbrüchen aus sich heraus die Rede, die durch den Film ausgelöst werden - zum Beispiel von dem sehr schnellen Durchgang von tausend Lachmöven durch meine Kehle, wenn Robert Harmon auf einer Treppe zusammenbricht.

(3)
"Zu Beginn unserer Ehe haben wir einen Vertrag geschlossen: Gena würde mich bis aufs Äußerste bekämpfen und ich würde sie bis zum Äußersten bekämpfen, und dieser Vertrag ist immer eingehalten worden (…) Ich glaube, dass sobald zwei Personen nicht miteinander einverstanden sind, sie so weit wie möglich gehen sollten, und das ist es ,was Gena und ich machen."

(4)
Proust, die verschwundene Albertine.

(5)
Der Ausflug nach Las Vegas veranschaulicht vollkommen die völlige Gleichgültigkeit Cassavetes der Illustration gegenüber. Man sieht von Las Vegas bloß ein Hotel, in dem er seinen Sohn absetzt, und ein Auto, in dem er sich von den beiden Mädchen verabschiedet.

(6)
"Im Leben können der Orgasmus oder die Langeweile machen, dass man wahnsinnig wird. Aber wie kann man auf der Leinwand eine Frau darstellen, die verrückt werden kann, weil sie dreißig Sekunden lang alleine geblieben ist?" John Cassavetes über Eine Frau unter Einfluss. .

(7)
"Das Bewußtsein an die nötige Bescheidenheit erinnern, heißt, es dafür zu halten, was es ist: ein Symptom, nur ein Symptom eines tieferen Wandels und der Tätigkeit von Kräften einer ganz anderen Art als der geistigen." (Deleuze, Nietsche et la philosophie)

(8)
amüsant dass Cassavetes in Faces - dessen Drehen sich über fünf Jahre hinzog - die Anzahl der langen Naheinstellungen von Gena und Lynn Carlin (die junge Frau, die einen Selbstmordversuch unternimmt) erhöhen musste, denn alle beide waren schwanger. Keine stilistische, präempirische Voreingenommenheit, kein Manifest, bloß Anpassung an das, was ist!

(9)
Deleuze, Pourparlers

(10)
"Das geht mich nichts an, sagte Bellmer, der unter den Schriften von Herrn Heidegger schrecklich litt. Er sagte es ganz bescheiden."(Beckett, Die Welt und die Hose)

(11)
Nathalie Sarraute, L'ère du soupçon (Die Ära des Verdachts)

(12)
Man müsste bei den beiden ihre Begabung für die Ellipse verfolgen - die tadellose Aufnahme eine Moments von seinen Seiten her, nie von seinen Höhepunkten aus.

(13)
"(…) die Verklärung zu Schönheit von all dem bisher Gelebten, bis zum Schrecken. Die Schamanen wissen es, die mit sich selbst bis an die Schwelle des Todes reiten, indem sie den Körper zum Roß der Reiterseele verwandeln. Mit der Gefahr, dass es unter ihnen zusammenbricht. Was nicht sehr wichtig ist. Der Tod Trakls, ohne Ziel noch Zweck, ist nur ein Arbeitsunfall". (Marc Petit)

(14)
"Wo war ich stehengeblieben? Das bittere, das gallige, und das freudlose -Ha! - Das bittere Lachen lacht über das, was nicht gut ist, es ist das ethische Lachen. Das gallige Lachen lacht über das, was nicht wahr ist, es ist das juristische Lachen. Nicht gut! Nicht wahr! Endlich! Aber das freudlose Lachen ist das intellektuelle Lachen, das kaltschnäuzige - Ha! -, so, es ist das Lachen des Lachens, das rirus purus, das Lachen, das das Lachen verlacht, eine sprachlose Huldigung an den höchsten Witz, kurz, das Lachen, das - Ruhe bitte - über das lacht, was unglücklich ist." (Beckett)

Paris, 2003

Alban Lefranc : über den Autor

 

   
«  ein großer Wal um 5000 Fuß und mehr hinunterzutauchen …  »
© 2003   das gefrorene meer - la mer gelée