‹‹‹ Nummer 3 - EXZESS
 
 
Die Reise nach Ostende (Auszug)
Aus einem Roman von Mathieu Roux, Übersetzung: Julia Schrader

14.

Er war früher heimgekehrt als gedacht, zwei Tage..., was ist das schon. Keiner hat ihn erwartet, das perfekte Timing. Für die wenigen Leute, die ihn auf dieser Welt kannten, die sich für sein Leben ein bisschen interessierten, war er noch in Berlin, als Zivildienstler, der auf Kosten des französischen Staates Filme in Augenschein nahm.
In seinem weißen Wagen überquerte er die Grenze, nahm außerhalb des deutschen Gebiets seine alten Gewohnheiten wieder auf: die Saar überfahren, immer die kurvenreiche Strasse entlang, die über die Hügel hinweg steil ansteigt und sich dann schnurstracks geradeaus in der wenig einladenden Mosel verliert, die ihn tief berührte, in der Nähe des einsamen Grenzpostens abbremsen und dann immer weiter geradeaus, Orte aus roten Ziegelsteinhäusern durchstreifen, die durch einige unberechenbare Ampeln belebt werden, die Autobahn umfahren, die Hauptstraße einschlagen, Staus hinnehmen, die Poesie dieser Bilder, denen sich der mühsame Bergbau entzogen hat, verinnerlichen, die grölende Musik eines Autoradios, die Travellings des Blickes einfangen und dann in der Ferne Forbach, die Stadt, immer geradeaus, noch weiter, der Supermarkt, die Einkaufsgalerien, die Reptilienausstellung, die Schuhgeschäfte, der Zeitungskiosk, der Schuster, die Nachtwächter, die Croissanterie. Er kaufte L'Equipe, France Football (ein Ausrutscher, den er sich in schlechten Zeiten erlaubte), Bier, eine Flasche Whisky, eine Flasche Pouillac, tiefgefrorene Lebensmittel. Auf dem Rückweg hielt er bei einem unsympathischen Fleischer an und versuchte, ihn durch exzessive Liebenswürdigkeit zu bestechen, erfolglos, eine teure Scheibe Rindfleisch, und dann lieh er sich nur fünfhundert Meter von der Grenze entfernt mitten auf einem verlassenen Parkplatz - unbedeutende Ungeschicklichkeit mitten auf der geraden Hauptstraße - einen Pornofilm aus.
Die grellgelbe Maschine bot den Kunden nach Einführen der Kreditkarte eine Auswahl von Filmen an, deren bunte Cover und kurze Zusammenfassungen auf dem Bildschirm zu sehen sind. Zehn verschiedene Genre sind im Angebot, drei davon gehören zur Pornobranche: "Porno", "Amateurporno", "Ungewöhnliches". Diese drei Genre werden erst nach Eingabe des Geburtsdatums zugänglich. Und wieder musste er über diese heuchlerischen Schutzvorkehrungen lachen, die ihn an seine Jugendzeit erinnern. Damals wollte er sich einen Film ansehen, der für Jugendliche unter dreizehn Jahren verboten war. Er selbst hatte dieses Alter noch nicht erreicht, und die Kartenverkäuferin des Kinos, eine schrecklich perverse Frau mit dreieckiger Brille und schwarzem Kleid, hatte ihn sadistisch nach seinem Geburtsdatum gefragt. Er war ins Stottern geraten, war rot geworden und war daraufhin heimgekehrt, verlegen, vor Wut kochend. Er dachte an seine Freunde im dunklen Kinoraum, an seine Freunde, die nicht vor der Kartenverkäuferin gestottert hatten, und dann er, das helle Himmelslicht schmerzte ihn.
Dummerweise (er war schon öfters darauf reingefallen) gehörte das Genre "Amateurporno", übrigens das einzige Genre, das er sich genehmigte, zur Mülleimerklasse, die sich mit einer Reihe professioneller Filme vermengte, und er traute sich nur selten, das Cover und die Zusammenfassung zu lesen (da sie sowieso meist trügerisch waren), um die Glaubwürdigkeit des gewählten Films zu prüfen, da die Warteschlange - diesmal ungewöhnlich lang, aber schon eine Person reichte aus, die hinter ihm ausharrte - ihn davon abhielt, ein Bild des ausgewählten Films auf dem Bildschirm erscheinen zu lassen. Obwohl er ahnte, dass sich diese einsamen Männer ebenso wie er solche Filmarten ausliehen …, aber die Scham des Onanisten ist sein intimstes Geheimnis. Mit welchem Leichtsinn aber die Eigentümer dieser wunderbaren Maschine mit den Liebhabern solcher Filme umgehen, verbitterte ihn. Sie wissen, dass Typen, die sich Pornofilme anschauen, sich nicht beschweren werden (zu wem sollten sie auch gehen, um sich zu beschweren?), dass dieses einsame "Vergnügen" geduldet und aus kommerzieller Sicht gar gefördert wird, aber weder Anerkennung noch Respekt findet.
Er hatte seine Wahl getroffen, einen Film, den er schon gesehen hatte, denn er konnte den Betrug nicht ertragen, der seine Scham nur verzehnfachte, die Leidenschaft einer Verhaltensweise, zu der er sich nicht wirklich bekannte und deren Hinnahme, wie er fühlte, eine Art fataler Selbstaufgabe, eine gefährliche Selbstverleugnung mit sich ziehen würde.

15.

Seine Lieblingsstelle in diesem Film war der Anfang, die ersten zehn Minuten, wo sie mit der Kamera von vorne aufgezeichnet wurde. Sie beantwortete die Fragen eines Mannes, der sich außerhalb der Bildfläche bewegte, sicher derselbe, der sich um die Bildeinstellung einer auf einem Ständer aufgestellten Kamera kümmerte. Er mochte das Zögern, das die Antworten zerstückelte, das Stöhnen und die Gelächter, die die Worte verschluckten.
-"Wie alt bist'n Sylvia?"
-"Zwanzig."
-"Studierst du, arbeitest du?"
-"Ich bin Studentin."
Sie saß, an der Wand lehnend und in eine lila Stretchhose gequetscht, im Schneidersitz auf einem großen Bett. Ihre schwarzen langen Haare waren, passend zum engen und kurzen T-Shirt, mit einer apfelgrünen Haarspange zusammengesteckt. Das T-Shirt verriet den fehlenden BH, einen üppigen Busen und einen gepiercten Bauchnabel.
-"Eine artige Studentin...aber das macht ja gerade an...Und was für ein Studium?
-" Englisch."
Sie hatte einen südlichen Akzent und in ihren Augen war Trotz zu lesen. -Wie sagt man auf Englisch "jemanden einen blasen"?
Der Kerl lachte und steckte einige Typen, die sich ganz in der Nähe aufhielten, mit seinem Lachen an.
Nun lachte das Mädchen, ein eigenartiges Lachen, dem es an Spontaneität fehlte, ein mimisches Lachen, ein höfliches Lachen, fast ein erschreckendes Lachen.
-"Blowjob."
-"Hübsch, das klingt gut, oder? (Er richtete sich damit an seine Freunde.) Also, wenn ich das richtig verstehe, bist du eine Sprachexpertin."
-"Ja, das könnte man so sagen, obwohl …Expertin."
-"Ach ja."
-"Besser gesagt, ich mag es."
-"Du magst es, das ist alles."
-"Es törnt mich an." Mit halb geöffnetem Mund betont sie "antörnen" und wirft dabei einen wilden Blick um sich.
-"Du machst mich an, Sylvia. Sag uns doch mal, was dich dazu gebracht hat, heute vor der Kamera Sex zu haben."
-"Ich weiß nicht, ich hatte einfach Lust..."
-"Wenn du daran denkst, dass sich Typen einen runterholen, indem sie dir zuschauen, macht dich das an?"
-"Ja... Sie lachte und ihre Augen wurden immer größer, sie strahlten.
-"Hättest du Lust, mit uns irgendwelche Phantasien zu verwirklichen?"
-"Ja...Sie zierte sich, warf einen Blick zur Decke, zum Fußende des Bettes."
-"Zum Beispiel?"
-"Na mehrere Typen auf einmal..."
-"Gut, ich glaube wir haben das, was du brauchst. Aber zuvor müssen wir die Ware prüfen.
Hastig zog sie sich ihr T-Shirt aus, nahm die Spange aus dem Haar, legte sie sorgfältig auf den Nachttisch und schüttelte ihre Haare mit einer Kopfbewegung. Daraufhin zog sie ihre hohen Schuhen aus, schleuderte sie von sich, so dass ihr Aufprall auf dem Teppich ein dumpfes Geräusch verursachte. Endlich trennte sie sich von ihrer engen Hose, die sie wie Strapse herunterrollte. Dabei ließ sie sich besonders viel Zeit. Sie hatte scheinbar nicht wahrgenommen, dass ihre Enthüllung durch Pfiffe und schlüpfrige Kommentare begleitet wurde.
Gewöhnlich unterbrach er den Film, bevor die fünf dickbäuchigen Typen, mit einer Wolfsmaske maskiert, ihren Auftritt hatten, und spulte die Kassette zurück, um erneut das Mädchen zu hören. An diesem Tag schaffte er es nicht, diese familiäre Faszination zu ertragen, und sein Blick verlor sich in einem Zimmerdekor, von dem er sich fragte, ob es ein Hotelzimmer, das Zimmer des Mädchens, das Zimmer von einem dieser männlichen Protagonisten oder das ihrer Familie war, das seit dem Tod der Großeltern unbewohnt blieb, in Deauville, Fréjus oder Rambouillet. Er streichelte sein schlaffes Geschlecht, unfähig steif zu werden, er war überrascht, dass er die Details beobachtete, die sich in die Videobilder eingeschlichen hatten: die Nachttischlampe, deren Birne zu hell war und damit den schmutzigen Lampenschirm in den Vordergrund treten ließ, Ausschnitte vom geöffneten Fenster mit geschlossenen Fensterläden, eine vergilbte grüne Tapete, auf der in Abhängigkeit von der zögernden Bildschärfe feine Blumen sichtbar wurden, die japanisch anmuteten. Dieses neutral gestaltete Dekor weckte mehr und mehr sein Interesse, während die Verrenkungen dieses jungen Mädchens, etwas rundlich, mit feinen schwarzen mandelförmigen Augen, für ihn in den Hintergrund rückten.
Infolge der gleichmäßigen Bewegung der Bilder wurde seine Aufmerksamkeit durch einen ungeschickten Einschnitt gefesselt, der einen ungewollten Bruch mit der Realität schaffte. Während zwei der Typen sich auf dem Körper des jungen Mädchens zu schaffen machten, klingelte im Zimmer ein unsichtbares Telefons, das neben der vibrierenden Schrille der Klingel (ganz sicher ein alter Apparat mit Ziffernscheibe) einen plötzlichen Einschnitt verursachte, dem der Regisseur des Films nicht vorgegriffen hatte und der wie ein jäher Aufschrei verstummte. Die nächste Großaufnahme zeigte fünf Typen in Aktion, so dass das Gefühl einer ununterbrochenen, rekonstruierten und gleichzeitig sichtbaren Zeit unterstrichen wurde. Dieser Pfusch machte ein Versagen, eine Verblüffung deutlich.
Die Illusion des Realen, dem einzig der Geschlechtsakt eine solche Dimension verleiht, war gebrochen. Dieses Klingeln war das Zeichen einer beherrschten Fiktion, die das Amateurgehabe des Mädchens und die Erbärmlichkeit der ganzen Sache überspielen sollte. Und die Fortsetzung des Films belegte durch die herkömmliche und besonders unelegante Montage zwischen Groß- und Gesamtaufnahmen, dass der Regisseur bereits aufgegeben hatte. Das Wort war aus dem Zimmer verjagt worden -einzige Verrenkung im Königreich des Röchelns: Gefällt dir der Schwanz, du Schlampe? So hast du es noch nie genossen? Du kannst nie genug kriegen? Dieses Mädchen hatte genug gesprochen, ihre Worte konnten die Lust des Mannes nur schmälern, und diese Schmälerung wirkte sich zuerst physisch aus. Diese Form der Anmache durch das männlichen Geschlecht zeugte von der totalen Unterwerfung der Frau, da sie ihre Ohnmacht deutlich machte, die den Mann erst richtig antörnte: Wer nicht nein sagt, sagt halt ja.

 

Ein betrunkenes Gespenst gab der Maschine den Film zurück (sechs Stunden à zehn Franc und fünf Franc für jede weitere Stunde). Er verbrachte sein Wochenende zurückgezogen in seinem Studio, den Körper, der die Delle seiner Schaummatratze noch ein wenig vertiefte, mit Alkohol zugepumpt. Er wollte vermeiden, bei einem Spaziergang in der Stadt auf einen Bekannten zu treffen, dem er seine verfrühte Heimkehr erklären musste.
Er schlief viel und wurde regelmäßig von dumpfen Kopfschmerzen geweckt. Der immer noch laufende Fernseher wirkte beruhigend. Der Alkohol hatte das Seine getan, um seine Ängste zu vertreiben. Aber morgen würden sie wieder da sein, vom Kater verstärkt, und dann ging es zurück zur Arbeit.

Cayenne-Vieux Moulin-Paris, 2001

Mathieu Roux: über den Autor
Julia Schrader, Paris: schraderjulia@hotmail.com

 

   
"Let's shut down the higher functions of my brain and perhaps I'll be a bit more fucking capable of living."
© 2002   das gefrorene meer - la mer gelée